| Der Punkt, an dem man was tun muss |
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Seit meinem Aufenthalt in Los Angeles weiß ich endlich, was ich bin. Früher hatte ich noch immer gesagt: „Also ich esse kein Fleisch, aber Fisch.“. „Nein, auch kein Hühnchen.“ „Ne, Pute auch nicht.“ Bis ich auf die Bedienung im Sushi-Restaurant Katana auf dem Sunset Boulevard gestoßen bin. Die nach dieser Erklärung nur meinte: „Ah, you are a pescetarian!“ Ach so. Also Pescetarier. Während andere in Hollywood ihr Glück suchen, hatte ich zumindest die Bezeichnung für meine Art der Ernährung gefunden.
Angefangen hat alles, als ich 16 war und unsere Klasse ins Schullandheim gefahren ist. Dort konnte man zwischen vegetarischer und normaler Kost wählen. Und nachdem ich aus einem typisch bayerischem Haushalt kam, wo der sonntägliche Schweinebraten Usus war, hatte ich mich – wie man es als Heranwachsende halt so macht – spontan für das „Andere“ entschieden. Und danach – bis zum heutigen Tag - nie wieder Fleisch angerührt. Was mittlerweile nicht mehr mit dem Wunsch nach Ausbrechen aus alten Konventionen zu tun hat, sondern schlicht und einfach ein Resultat des Sammelns von Informationen ist. Informationen über Schlachthöfe, Tiertransporte und Massentierhaltungen. Nein, keine Angst! Jetzt folgen keine schlimmen Ausführungen darüber, was genau mit den Tieren passiert und wie grausam Menschen mit anderen Lebewesen umgehen können. Wenn ich eines in all den Jahren gelernt hab: Mit solchen Mitteln erreicht man meistens nur temporär etwas. Denn eines ist sicher: Wer Fleisch isst, ist sich mittlerweile wohl auch bewusst, woher das Fleisch kommt, das auf dem Teller landet. Aber nachdem der Mensch ein Meister des Verdrängens ist, werden diese Gedanken beim Fleischverzehr eben auch schnell mal beiseitegelegt. „Der einzige, der einen Ozelotpelz wirklich braucht, ist der Ozelot.“ (Bernhard Grzimek, 1909-1987) Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es wirklich sinnvoll ist, dass viele Tierschutzorganisationen wie beispielsweise PETA mit „Hau-Drauf-Methoden“ arbeiten und so radikale Aktionen veranstalten, dass bei einigen Menschen schon wieder das Gegenteil bewirkt wird. Nicht diskussionswürdig für mich ist allerdings die Frage, ob man Pelz tragen kann. Solange wir keine sibirischen Verhältnisse haben und Fuchs, Nerz und Co nur als Statussymbol oder als Fashion-Item gelten, gibt es de facto keinen auch nur einzigen Grund, sich mit einem Pelz einzukleiden. Allein in Deutschland gibt es knapp 30 Tierfarmen, die überwiegend Nerze und Füchse züchten. Hier sind die Chinchilla-Farmen noch nicht inkludiert. Tiere, die nur leben, um später den finanziellen Status des Trägers bzw. der Trägerin zu unterstreichen und außer der „Dekoration“ keinen weiteren Zweck dienen. Amüsant finde ich immer die Prominenten, die sich aus reinen PR-Gründen für PETA unter dem Motto „I´d rather go naked than wear fur“ ausziehen um dann später doch wieder Pelz zu tragen. Naomi Campell ist so ein Beispiel dafür, aber es gibt noch etliche andere. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt Paula neben mir und schaut mich mit vorwurfsvollen Augen an. Eigentlich ist nämlich gerade ihre Gassi-Geh-Zeit und leider macht ihr Frauchen bislang noch keine Anstalten, dass es zeitnah in den Englischen Garten oder an die Isar geht. Paula ist seit knapp sechs Monaten in München, ursprünglich ist sie Spanierin, genauer gesagt Mallorquinerin. Sie kommt aus Son Reus. Das ist das offizielle Tierheim in der Nähe von Palma. Inoffiziell kann man es auch als Tötungsstation bezeichnen, da die Vierbeiner, die nach 21 Tagen nicht abgeholt beziehungsweise adoptiert werden, getötet werden. Paula wurde am 20. Tag von einer Organisation rausgeholt, kurze Zeit später bin ich mit ihr und gefühlten 300 Fellmitbewohnern von Mallorca nach Deutschland geflogen. Nachdem sich ja deutsche Hundebesitzer gerne über die Rasse ihres Hundes unterhalten, überlege ich mir seit geraumer Zeit, sie als „Hippie-Hund“ deklarieren zu lassen. Jedenfalls ist sie nach einigen Trainerstunden, viel Liebe und vor allem sehr viel Geduld (eine Eigenschaft, die bei mir bis dato nicht vorhanden war) ein Hund geworden, der definitiv nicht perfekt ist, aber genau deswegen umso mehr geliebt wird. Womit wir beim Thema perfekt wären. Kein Mensch ist perfekt, und umso mehr manche Menschen nach Perfektionismus streben, desto unsympathischer sind sie mir. Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Ich gestehe: Bei vielen Produkten, die ich verwende, ist es mir zu mühsam, zu recherchieren, ob Tierversuche gemacht werden. Die Flasche Wein landet oftmals einfach im Müll, da ich zu faul bin, deswegen zum Glascontainer zu laufen. Die Trennung zwischen Müll, Papier und Joghurtbechern lief auch schon mal besser. Und statt zu frieren lass ich manchmal auch lieber das Wasser in der Dusche an, auch wenn es gerade nicht nötig wäre. Darum geht es vielleicht auch gar nicht. Vielmehr geht es doch darum, sich Gedanken um die Konsequenzen seines Handelns zu machen. Denn jede Aktion bringt unweigerlich eine Reaktion mit sich. Jeder Schritt, den wir machen, hinterlässt eine Spur. Und dessen sollten wir uns auch bewusst sein. Wer Pelz trägt, sollte dafür in Kauf nehmen, dass es weiterhin Tierfarmen gibt. Wer Fleisch konsumiert, sollte den Transport und die Aufzucht im Hinterkopf behalten. Wer einen Rassehund kauft, muss wissen, dass irgendwo anders Hunde, die auch einen Besitzer suchen, verbrannt werden. Und so sollte jeder einen Verhaltenskatalog für sich selbst aufstellen, was er verantworten kann, und was nicht. Und selbst wenn man sich für den Kleinigelverein in Hintertupfingen engagiert, ist das zumindest ein Engagement, worüber man sich vorher Gedanken gemacht hat um dann bewusst eine Entscheidung zu treffen, sich genau dafür einzusetzen. Es gibt kein Besser und Schlechter, kein Wichtiger oder Unwichtiger. Es gibt einfach nur den Punkt, dass man als intelligenter Mensch etwas tun muss. Tina Kaiser Weitere Informationen: www.tina-kaiser.de |
| Fotos von oben: Sabine Radke, PeTA Deutschland e.V. www.pixelio.de, privat, Darren Jacklin |
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