| Mit Wut alleine kann man nichts ändern Interview mit Mahi Klosterhalfen, Geschäftsführender Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung |
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Jörg Joachim: Mahi, wofür steht die Albert Schweitzer Stiftung und was ist Ihre Aufgabe?Mahi Klosterhalfen: Die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die tierquälerische Massentierhaltung abzuschaffen und die vegetarische Idee zu fördern. Dazu führen wir Verhandlungen mit der Lebensmittelindustrie und klären die Menschen auf der Straße über Missstände und Lösungen auf. JJ: Bleiben wir mal für dieses Gespräch beim Schwein. Wie müssten diese Tiere leben, wenn sie sich wohl fühlen sollen und wie werden sie tatsächlich in Massentierhaltungsbetrieben gehalten? Zu welchen Auswirkungen führt das bei den Tieren? Mahi Klosterhalfen: Die Tiere müssen ihre Grundbedürfnisse ausleben können. Bei Schweinen ist an erster Stelle der Erkundungsdrang zu nennen. Die Tiere verbringen unter natürlichen Umständen 70% ihrer wachen Zeit damit, den Boden mit ihren Rüsseln zu durchwühlen und Nahrung zu suchen. Hinzukommen muss die Möglichkeit der Körperpflege, des Nestbaus und das Ruhen in stabilen Gruppen. JJ: Wie dürfen Ferkel nach Gesetz kastriert werden und wie geschah es nachweislich in einem Betrieb (Land Brandenburg) tatsächlich, was hat die Albert Schweitzer Stiftung dagegen unternommen? Mahi Klosterhalfen: Das Gesetz erlaubt die Kastration von Ferkeln, gegen die wir uns generell einsetzen. Erlaubt ist es, die Hoden der männlichen Ferkel mit einem Skalpell abzutrennen. Auch das läuft ohne Betäubung ab. Was das Europäische Tierschutzrecht allerdings verbietet, ist das Zerren und Reißen am Gewebe. Wir haben Videomaterial aus einem Betrieb, in dem den Ferkeln die Hoden aus dem Leib gerissen wurden. Das haben wir zur Anzeige gebracht, aber wie so oft hat das Verhalten der Staatsanwaltschaft zu wünschen übrig gelassen, sodass es zu keinem Gerichtsverfahren gegen den Leiter des Betriebs kam. JJ: Wieso ist die Massentierhaltung - oder Tierhaltung generell - nicht für eine ausreichende und ausgewogene Ernährung nötig? Mahi Klosterhalfen: Der Mensch kann sich wunderbar und besonders gesund rein pflanzlich ernähren. Das weiß ich nicht nur aus langjähriger Erfahrung am eigenen Leib. Es wird auch von immer mehr Ernährungswissenschaftlern bestätigt. Laut der größten US-Vereinigung von Ernährungsberatern ist die pflanzliche Ernährung nicht nur für alle Lebensphasen inkl. Schwangerschaft und Stillzeit geeignet, sie kann darüber hinaus auch helfen, zahlreichen Volkskrankheiten vorzubeugen und sie sogar zu heilen.
JJ: Worauf sollten Menschen achten, die unbedingt Schweinefleisch essen möchten, aber nicht auf Kosten von Tierquälerei? Mahi Klosterhalfen: Wer unbedingt Schweinefleisch essen möchte, dem empfehle ich, einige Fleischalternativen auf pflanzlicher Basis auszuprobieren. Die kann man kaum noch vom Original unterscheiden und sie sind darüber hinaus auch cholesterinfrei. Meine Mutter hat früher das beste Schweinefilet gemacht. Jetzt schwört sie auf Fleischalternativen. Man muss aber auch ein paar Sorten ausprobieren, bis man seine Lieblingsmarke gefunden hat. JJ: Mahi, Sie sehen, lesen oder erfahren in Gesprächen viel Schreckliches, was mit sogenannten Nutztieren geschieht. Was fühlen Sie dabei? Mahi Klosterhalfen: Anfangs war ich vor allem wütend. Aber weil man mit Wut allein so wenig verändern kann, habe ich gelernt, mit den Berichten und Bildern umzugehen. Jetzt denke ich vor allem strategisch: Es geht um die Frage, wie wir die größte Form der Tierquälerei (allein in Deutschland müssen jedes Jahr ca. eine Milliarde sogenannter „Nutztiere“ sterben) Schritt für Schritt abschaffen können. Dazu müssen wir auf der einen Seite die Herzen und Köpfe der Menschen erreichen, damit sie ihr Handeln mit ihren Überzeugungen in Einklang bringen. Wer finanziert durch sein Kaufverhalten schon gerne die Massentierhaltung? Auf der anderen Seite gilt es, Unternehmerinnen und Unternehmer zu finden, die eine Vorreiterrolle übernehmen, indem Sie sich von den schlimmsten Tierqualprodukten trennen und mehr pflanzliche Alternativen anbieten. JJ: Was denken Sie, wer ist in der Verantwortung, die Missstände zu beseitigen? Mahi Klosterhalfen: Eigentlich die Politik. Politik muss gestalten. Zumindest war das früher mal ein Leitsatz. Aber heutzutage hinkt die Politik den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Das ist zwar sehr schade, aber auf Anhieb auch nicht zu ändern. Deshalb sind die Verhandlungen mit Unternehmen so wichtig: Wenn die Unternehmen sich entscheiden, mit einem Tierqualprodukt keinen Handel mehr zu betreiben, traut sich die Politik auch, Verbote auszusprechen. So läuft es gerade bei den Eiern aus Kleingruppen-Käfigen (den Nachfolgemodellen der Legebatterie), und so wird es zukünftig auch in anderen Fällen funktionieren. JJ: Mahi, vielen Dank. Weitere Informationen: http://albert-schweitzer-stiftung.de/ |
| Fotos: Mahi Klosterhalfen |
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