| Arme Kinder stecken im Teufelskreis Interview mit dem Thüringer Landtagsabgeordneten Matthias Bärwolff |
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JJ: Wie viele Kinder gelten in Thüringen als in Armut lebend?
Matthias Bärwolff: In Thüringen leben etwa 60.000 Kinder unter 15 Jahren in Armutsverhältnissen. JJ: Wie kommt diese Zahl zustande, was verstehen die Statistiken unter Armut? Matthias Bärwolff: Da die Bundesregierung nur ungern etwas über die Armut im Lande sagt, haben wir einzig die Statistiken der Arbeitsämter zur Verfügung. Hier gibt die Anzahl der sogenannten Sozialgeldempfänger Auskunft über das Ausmaß von Armut. Sozialgeld ist das Hartz IV für Kinder, welches bei etwa 276 Euro liegt. Die EU hat einen Maßstab für Armut gebildet, wonach jeder, der weniger als 40% des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, als arm gilt und die 351 Euron Hartz IV sind genau 38% dieses Wertes. JJ: Bedeutet dies auch hungernde Kinder und welche Folgen, vielleicht gesundheitlicher Art, auch betreffs Bildung, hat arm sein? Matthias Bärwolff: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat errechnet, dass man für eine ausgewogene und gesunde Ernährung etwa 6 Euro am Tag benötigt, im Regelsatz von Hartz IV sind aber nur 2,89 Euro dafür vorgesehen, das heißt, das Geld reicht statistisch nur bis zum 15. eines Monats, aber Kinder haben die Eigenschaft auch am 16. noch Hunger zu haben. Ja, wir haben hungernde Kinder, schauen Sie zu den Tafeln, schauen Sie in Jugendhäuser, wo es die Kinder nach Schulschluss sofort zur Küche treibt, in der Hoffnung etwas zu essen zu bekommen. Das eine Unterzuckerung, gerade im Schulalter zu gesundheitlichen Schäden führt ist doch klar, ganz zu schweigen von Leistungsschwächen und Konzentrationsstörungen. Das aber ist einer der Gründe für schulisches Versagen. Und hier stecken die Kinder schon mitten im Teufelskreis fest.
JJ: Gehört nach Ihrer Sicht der Dinge Armut einfach dazu, weil es sie schon immer gab und überall gibt oder sollten wir uns als Gesellschaft in Deutschland damit nicht zufrieden geben, Herr Bärwolff ? Matthias Bärwolff: Das ist ja zynisch. Alle Menschen sind gleich. Alle. Nur weil wir in Deutschland den Reichen die Steuern erlassen, die Sozialsätze kürzen und ein sozial selektives Bildungssystem (PISA beweist es) haben, bedeutet das doch nicht, dass Armut zu akzeptieren ist. Unsere Gesellschaft haben wir geschaffen und wir alle müssen sie verändern! JJ: Was kann aus Ihrer Sicht gegen Armut getan werden, wer sollte was tun? Matthias Bärwolff: Nicht nur reden, sondern handeln. Das heißt nicht mehr Tafeln einrichten, sondern das heißt die UN-Kinderrechtskonvention ins Grundgesetz rein, das heißt eine eigenständige Kinderpolitik, das heißt Einrichtungen für Kinder schaffen, die generell kostenlos sein müssen, das heißt kostenlose Essensversorgung an Kindertagesstätten und Schulen, das heißt Zugang zu Kultur und Bildung, das heißt Beteiligung und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen, das heißt höhere Hartz-IV-Regelsätze und keine Anrechnung des Kindergeldes, das heißt keine Familienförderung über die Steuererklärung, weil das wieder nur den besser Verdienenden zu Gute kommt. Das alles kann getan werden, wenn der politische Wille dafür da ist. Bei Frau Merkel und Herrn Müntefering fehlt der leider. JJ:Nur die Politik oder auch die Wirtschaft, Prominente, Medien, Menschen wie du und ich können etwas tun? Matthias Bärwolff: In erster Linie die Politik. Denn die ist für die gesamtgesellschaftlichen Prozesse, wie die Verteilung des Vermögens von unten nach oben verantwortlich. Die Politik bestimmt die Gesetze und die Politik bestimmt auch, wie viel Geld der Staat wofür ausgibt und nach welchen Prinzipien dies geschehen soll. Wir haben in Deutschland ein Verteilungsproblem. Seit 1998 ist die Zahl der Vermögensmillionäre von 350.000 Menschen auf über 1,1 Millionen im Jahre 2008 gestiegen. Die Zahl der armen Menschen ist aber ebenso dramatisch gestiegen. Auf diese Entwicklung müssen auch Medien aufmerksam machen. Die Wirtschaft soll sich nicht in sozialen Vorzeigeprojekten engagieren, sondern sie soll ordnungsgemäß ihre Steuern bezahlen, ihre Mitarbeiter zu würdigen Löhnen anstellen und auch daran denken, dass irgendjemand die ganzen Produkte kaufen soll. Wenn die Wirtschaft diese selbstverständlichen Dinge tun würde, wäre schon vielen geholfen. JJ: 2009 ist ein Wahljahr, auch in Thüringen. Welchen Stellenwert messen sie dem Thema Kinderarmut bei, kann man das Thema isoliert sehen und wie ist der Plan Ihrer Partei, Herr Bärwolff? Matthias Bärwolff: Nein, Kinderarmut ist kein Phänomen oder etwas über uns gekommenes. Es ist das Ergebnis konkreter Politik der letzten Jahre. Hartz IV, Arbeitslosigkeit und Lohndrückerei sind die Ursachen von Kinderarmut und genauso vielfältig wie die Ursachen sind, werden wir mit vielfältigen Konzepten an die Lösung herangehen. JJ: Welche persönlichen Begegnungen haben Sie während Ihrer Tätigkeit als Landtagsabgeordneter mit armen Kindern? Was oder wie fühlen Sie dabei? Matthias Bärwolff: Als Kinder- und Jugendpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Thüringer Landtag bin ich oft im Lande in Jugendeinrichtungen, in Kindergärten und in Freizeiteinrichtungen, dort begegnet man den Problemen auf Schritt und Tritt. Diese Kinder brauchen kein Mitleid, sondern sie brauchen eine offene Gesellschaft, die darüber nachdenkt, was sie mit ihren Kindern macht. Für mich sind die Begegnungen mit Kindern immer wieder Ansporn für mein politisches Wirken. JJ: Vielen Dank, Herr Bärwolff, vom Team und den Leserinnen und Lesern von www.burgseekurier.de |
| Fotos: Klaus-Uwe Gerhardt pixelio |
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