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Das unbeschreibliche Gefühl
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Ein Mann trifft eine Frau. Er hat sie noch nie zuvor gesehen und nicht mit ihr gesprochen. Dennoch weiß er bereits nach wenigen Sekunden, dass sie die Frau seines Lebens sein wird. Rational begründen kann er seine Entscheidung nicht und trotzdem ist er sich absolut sicher. Er ist in diesem Moment dem schwer zu erklärenden Phänomen erlegen, das der Volksmund als „Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnet. Wenn die Frau sich von der Faszination des Mannes angesprochen fühlt, erhält dieser die Chance, sie näher kennenzulernen. Beide entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten und entwickeln eine Beziehung, die für den Rest ihres Lebens bestehen kann.

Menschen, die zu Fans werden, erleben meistens ähnliche unbeschreibliche Gefühle. Sie beobachten einen sportlichen Wettkampf und sind begeistert von den Leistungen der Athleten. Sie hören ein Lied zum ersten Mal und sind fasziniert von der Musik und der Stimme des Interpreten. Glückshormone übernehmen die Herrschaft über das Denken und drängen den sachlich analysierenden Teil des Gehirns in den Hintergrund. Die Welt wird zweigeteilt. Mein Verein oder mein Star bedeutet mir alles und steht über allen Konkurrenten. Weil der Mensch ein Rudeltier ist, sucht er nach Gleichgesinnten. Die Verehrer finden einen Fanclub, in dem sie ihre Begeisterung teilen können und ihre Stars gemeinsam feiern. Sie lernen ihre Helden immer besser kennen und wollen ihnen ein Leben lang treu bleiben.

Andere Menschen, die der Begeisterung nicht verfallen sind, betrachten die Fans und fragen sich, wie vernunftbegabte Lebewesen so handeln können. Fans denken jedoch fast ausschließlich mit dem Herzen und nicht mit dem Gehirn. Die Argumentation des zentralen menschlichen Denkorgans ist völlig inkompatibel mit den Handlungen eines Hardcore-Fans. Wenn man mit Vernunft arbeitet und ein unausgewogenes Verhältnis von Kosten und Nutzen als Problem ansieht, kann man nicht erklären, warum einige Exemplare des fortschrittlichen Homo sapiens freiwillig viel Geld ausgeben, weite Strecken zurücklegen und durch lautes Jubeln, Klatschen und Trommeln ihre Gesundheit riskieren, um ein paar Menschen beim Sport oder der Musik zu begleiten.

Fans sehen ihre Berufung darin, dem von ihnen verehrten Star zu Erfolg und Anerkennung zu verhelfen. Wer nicht genug Eintrittskarten, CDs, Filme oder Bücher verkauft, verschwindet schnell im Niemandslied. Die Fans tragen zum großen Teil zu diesem kommerziellen Erfolg bei. Sie haben sich schon mal für ein Werk des Künstlers begeistert und sind somit empfänglicher für neue Produktionen. Außerdem können sie mit ihrer Faszination bisher unbeteiligte Menschen infizieren, die die Fangemeinde vergrößern.

Besonders beliebt sind die Stars, die abseits des materiell messbaren Erfolgs auch auf menschlicher Ebene überzeugen. Stars, die sich Zeit für ihre Anhänger nehmen und ihnen persönlich für die Unterstützung danken, geben den Fans das Gefühl, keine lästigen Groupies, sondern Freunde zu sein. Die Fans erkennen dann, dass ihr Star sich nicht als übernatürliches Wesen betrachtet, sondern mit beiden Füßen auf dem Boden steht und gewissermaßen einer von ihnen ist. Die Kombination von außergewöhnlichen Fähigkeiten, herausragenden Leistungen und einem sympathischen Charakter gilt als ultimatives Erfolgsrezept. Für solche Stars bringen die Fans gerne Opfer, weil es für sie eine Herzensangelegenheit ist. Unbeschreibliche Gefühle, die man nicht erklären, sondern nur erleben kann.

Markus Schnitzler
Foto: Bredhorn, Jens pixelio

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