| Man trifft sich immer zweimal |
|---|
Ewald
Ewald ist 64. Zeit also, die Beine hochzulegen und einen geruhsamen Lebensabend zu verbringen? Pustekuchen. Der immer noch stämmige Mann hat zwar stets gearbeitet, ist immer noch jeden Tag aktiv, bekommt den Dank der Gesellschaft aber nur in Almosen. Einmal pro Woche muss er in der „Tafel“ die Taschen voll Lebensmittel und Getränke packen, um zu überleben. In jungen Jahren in der damaligen DDR als Elektromonteur und Hausmeister tätig, überraschte die Wende ihn im besten Alter. Für seine Arbeitsstelle, wie für so viele, war kein Bedarf mehr. Es ging dennoch munter weiter, Ewald konnte einen der aus dem Boden sprießenden Lebensmittelmärkte kommissarisch als Leiter übernehmen. Als indes immer mehr Geschäfte öffneten, sich die Kunden und den Umsatz gegenseitig wegschnappten, war auch hier, der für den Job unqualifizierte, überflüssig. ABM Plätze und Strukturanpassungsmaßnahmen folgten. Das übliche, bürokratisch und oft wenig realistisch gesteuerte Programm eben. Seit 2002 ist der Hartz IV Empfänger ohne Job. Oft stand die Frage: Essen oder eine dringend nötige Hose? Wie geht es weiter, wenn die Waschmaschine den Geist aufgibt? Da kam die Zeitungsannonce mit der neu eröffneten Tafel gerade recht. Essen und Trinken wenigstens sind gesichert. Andere Läden sieht Ewald kaum mehr von innen. Womit sollte er auch zahlen? „Hartz IV reicht hinten und vorne nicht“, sagt er knapp. Aber nicht nur als Kunde und Abholer hält sich der emsige Mann in den Tafelräumen auf. „Gleich vom ersten Tag an wollte ich mich aktiv einbringen“, blickt er zurück und beschreibt mit seinen, von Arbeit gezeichneten kräftigen Händen einen Kreis: „Das alles ist ehrenamtlich entstanden.“ Das soziale Umfeld, das sich selbst nach offiziellen Einschätzungen Hartz IV Empfänger nicht mehr leisten können, hat Ewald hier gefunden. „Ich brauche keine Knöchelschützer für die Fensterbank. Lieber mache ich mich hier nützlich“, spricht er und geht an die Arbeit. Fred Eine menschliche, starke, soziale Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit Menschen, die ohne eigenes Verschulden in Schwierigkeiten geraten sind und Hilfe benötigen. Fred wurde in der Hektik der Zeit- ist- Geld- Arbeitsweise in seiner damaligen Firma von einem Gabelstapler überrollt. Zeitweise war der Unterschenkel so dick angeschwollen wie der Oberschenkel eines Elefanten, immer noch stecken fast so viele Nägel in ihm wie in einem Gartenzaun. Der eine oder andere Arzt hatte offenbar einen schlechten Tag erwischt, was für den mittlerweile 48-jährigen bedeutet, dass Sprünge über Zäune oder körperlich anstrengende Arbeiten nicht mehr möglich sind. Er landete in einem Büro, ausgestattet mit einem 50% Behindertenausweis. Dort begegnete ihm Mobbing. Das war der Anfang vom Ende. Jetzt hat er die Hoffnung aufgegeben. Hunderte von Bewerbungen, die eh nichts bringen, weil er von nicht einem potenziellen Arbeitgeber auch nur die Spur einer Chance bekam, kosten auch Geld. Und woher soll er es nehmen? Nicht mal Hartz IV oder Wohngeld wurde Fred bewilligt. Seine Frau bekommt sieben Euro zu viel Lohn. Der Rentenantrag wurde abgewiesen Wie auch immer. Irgendwann sah der Familienvater ein Schild mit dem Hinweis auf die „Tafel“ und bezieht nun Essen und Trinken von da. „Das muss für uns eine Woche reichen“, nickt er mit dem Kopf in Richtung seiner Taschen. Das Fred und seine Frau die Tochter in Ermangelung örtlicher Lehrstellen einige Hundert Kilometer wegschicken und auch dies irgendwie finanzieren müssen, juckt die Vertreter von Vater Staat nicht. „Das ist Ihre Sache“, wurde ihm lapidar entgegengeschleudert. Wenn Fernseh-Erzieherin Katja Saalfrank so einen Vater erwischen würde, käme der wohl auf die Stille Treppe… Anna Anna begleitete vor über einem Jahr ihre erwachsene Tochter aufs Arbeitsamt. So richtig helfen konnte man der jungen Frau da nicht, immerhin aber einen Flyer für die „Tafel“ in die Hand drücken. Diese schämte sich jedoch, den für sie entwürdigenden Gang zu gehen. Die Mutter nicht. Seit dieser Zeit ist sie regelmäßig da, „die Lebensmittel, die ich hier beziehe, sind nicht mehr wegzudenken“, berichtet die 57-jährige und legt sogar ihren wöchentlichen Speiseplan danach fest. Die anderen bedürftigen Kunden, sowie die freundlichen Helfer sind ein wichtiger sozialer Kontakt für Anna geworden. Mittlerweile kommt sogar ab und an die Tochter mit, meist der Enkel. Die stolze mehrfache Oma ärgert sich, dass sie finanziell nicht mehr für den Nachwuchs tun kann. Zum Thema „Hartz IV und Menschenwürde“ sagt sie: „Hier wird man menschenwürdig behandelt, im Arbeitsamt nicht!“ Überhaupt wäre es ihr lieber, der Antrag auf Rente hätte Genehmigung erlangt. Materiell stünde man sich nicht besser, aber moralisch. „Arbeitslose gelten als Bummelanten“, glaubt sie den Ruf in der Gesellschaft erkannt zu haben und setzt mit „vom Gefühl her sind wir das Allerletzte“ noch einen drauf. Dennoch hat die Frau, die 1995 eine schwierige Operation zu überstehen hatte, meist ein Lächeln im Gesicht. Ob hinter den flinken, optimistisch wirkenden Augen hier und da eine Träne lauert, ist nicht sicher, wäre aber verständlich. Auf die Politik ist sie nicht gut zu sprechen. „Den Namen Merkel möchte ich nicht hören“, stellt sie klar. Ebenso hadert Anna mit Justitia. Wegen der abgewiesenen Rente liegt sie vor Gericht, war mit einem Gutachten gar nicht einverstanden, worauf die Richterin auf die Möglichkeit verwies, ein eigenes zu erwirken. Das kostet 2000 Euro. Die gibt’s indes nicht mal bei den netten Helfern der „Tafel“. Die Vermutung liegt also nahe, dass Recht, wie auch Gesundheit, eine Frage des Geldes ist. Apropos Gesundheit. Weil das Geld knapp ist, bleibt nicht nur die Küche manchmal kalt. „Wir können uns nur noch ein Drittel von dem Heizöl wie früher leisten“, weist die quicklebendige Frau auf ihre Jacke, „deshalb sitze ich zu Hause im Kühlen und wenn ich woanders hin komme, schwitze ich“. Das klingt vielleicht witzig, ist es aber nicht. Eher Galgenhumor. In so einer Gesellschaft leben wir. „Hier stehen Leute an, die haben früher mal Schlips und Kragen getragen“, erzählt Anna. Man begegnet sich immer zweimal im Leben, sagt ein Sprichwort. Einmal auf dem Weg nach oben, einmal auf dem Weg nach unten. Wenn auch Anna, Fred und Ewald gerade eher unten sind, so können sie doch davon ausgehen, dass ihnen irgendwann mal auf dem Weg nach oben Menschen in Anzügen begegnen, die beispielsweise gerade ihr Bank-Geschäft gegen den Baum spekuliert haben oder aus einem politischen Amt geflogen sind. Dann wissen unsere drei Tafelkunden den Weg… Jo. |
| Foto: JJ |
| zurück |
|---|
| Impressum |