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Marx hatte recht, Reich-Ranitzki wohl auch
Bild wird geladen... In den letzten Wochen hat es gescheppert. Eine Finanzkrise erschütterte die Welt und eine Dankesrede Deutschland. Die Meldung, dass die Verkaufszahlen der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels – „Das kommunistische Manifest“ und „Das Kapital“ – dieser Tage sowohl in Europa als auch in den USA mächtig steigen, ging im Gewusel der Ereignisse unter. Wundert aber nicht.

Tatsächlich erscheint der Imperialismus derzeit besonders wie „faulender, parasitärer Kapitalismus“ und wird sogar von hochrangigen SPD-Funktionären, die ihn stützen und von ihm leben, gescholten. Wenn ein US-Präsident das ganze Land lahm legt durch sinnlose, in Familientradition begründete Kriegsspiele, dabei und in der Wirtschaftspolitik absolute Inkompetenz beweist und sogar einmal wiedergewählt wurde, ist schon was faul. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich, dies besonders in Deutschland, immer größer und ungerechter wird, ist das tatsächlich parasitär.

Die beiden bärtigen Philosophen des vorletzten Jahrhunderts behalten wohl recht, was die Analyse des Kapitalismus anbelangt. Wenn dann ein Mann wie Reich-Ranitzki in seinem verhältnismäßig kleinen Bereich, in dem sich Kunst und Fernsehunterhaltung überschneiden, daher kommt und einen Preis ablehnt, weil ihm das Metier „widerwärtig“ vorkommt, erntet er die Entrüstung verschiedener Protagonisten. Als Elke Heidenreich unter anderem sagt, Reich-Ranicki habe keinen Eklat verursacht, „O nein, das hat er nicht. Der Eklat war diese ganze grauenvolle Veranstaltung. Reich-Ranicki war der Lichtblick“, schmeißt das ZDF sie raus. Auch hier also Fäulnis und wenn man schaut, was mit diesem „Blödsinn“, wie es Marcel Reich-Ranitzki nannte, einige an Unsummen verdienen, kann auch das Wort „parasitär“ her halten.

Klar entscheidet irgendwie der Verbraucher, was er kauft oder in dem Fall, was er schaut. Egal ob Kinder, Eltern, Jobsuchende, Auswanderer, Schuldner oder Möchtegern-Superstars sich mehr oder weniger freiwillig beleidigen und vorführen lassen, sobald eine dieser Voyeurs-Sendungen auf einem Kanal erfolgreich läuft, ziehen die Mitbewerber nach – einfallslos, primitiv. Immer wieder kommen die selben Ausreden: Einschaltquoten, die anderen machen’s auch, man müsse sonst Leute entlassen und es seien ja Formate, aus denen man lernen könne oder die Chancen böten. Wenn man etwas möchte, beispielsweise Qualität, findet sich immer ein Weg. Wenn man etwas nicht möchte, beispielsweise Qualität, findet sich immer eine Ausrede.

Jene Qualität findet sich überall, man muss nicht mal lange suchen: Zahlreiche gute Bücher wurden geschrieben, viele Klasse-Filme gedreht. Sogar zur betreffenden Filmpreisverleihung wurden einige Macher durchaus verdient ausgezeichnet. Nicht nur Marcel Reich-Ranitzki.

Auch in der Politik gab es vor und nach dem Ab oft ein Auf. Bil Clinton zwischen den Bushs beispielsweise. Gorbatschow nach Breschnew und vor Jelzin. Ludwig Erhard, Willy Brandt oder Gerhard Schröder in dem Moment, als er sein Kreuz breit wie einen dreitürigen Kleiderschrank ausfuhr und entschied, dass Deutschland nicht am unsäglichen Irak Krieg teilnimmt. Sonst hätte es da schon gescheppert, nicht nur für unsere Soldaten, da wo sie nichts zu suchen haben, sondern auch für unsere Zivilbevölkerung, da wo sie friedlich lebt.

Was das alles miteinander zu tun hat? Es ist unsere Verantwortung, unser Leben.

Jo.

Foto: JF

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