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Interview mit dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Thüringer Landtag, Christoph Matschie
Bild wird geladen...JJ: Wie wollen Sie es in absehbarer Zeit schaffen, in Thüringen Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut und Hunger thüringischer Kinder der Vergangenheit angehören zu lassen?

Christoph Matschie: Wer auf diese wichtigen Fragen mit Bierdeckellösungen oder gar Heilsversprechen antwortet, entlarvt sich schnell. Ich denke, dass diese Themen viel zu wichtig und zu schwerwiegend sind, als dass man sie auf einen Streich lösen könnte. Wer hier nachhaltig reagieren will, muss die Probleme auch nachhaltig angehen. Arbeit hat viele Gesichter. Sie ist Teil der individuellen Lebenswelt. Sie ist Motor der Wirtschaft. Und Arbeit ist die Basis sozialen Handelns. Um die Chancen für den Abbau der hohen Arbeitslosigkeit zu nutzen, ist deshalb ein stabiler und nachhaltiger Wachstumsprozess eine wichtige Grundlage. Wirtschaft und Soziales sind für Sozialdemokraten kein Gegensatz. Beides gehört zusammen. Deshalb verlieren wir das Problem der zunehmenden Kinderarmut nicht aus den Augen. Dazu zählt auch die Forderung nach Mindestlöhnen und unsere Initiative für ein kostenloses Mittagessen in den Schulen. Wirtschaft wächst in hochindustrialisierten Ländern dort, wo Bildung, Forschung und Innovation groß geschrieben werden. Deshalb setze ich für Thüringen auch darauf, dass der Freistaat alles tut, um dass Bildungsland Nummer eins zu werden.

JJ: Ist das gegenwärtige Bildungssystem in der Bundesrepublik für Sie akzeptabel? Ist es so schlimm, das Schulsystem der ehemaligen DDR wieder einzuführen? Ist in dem Kontext die Ideologie wirklich wichtiger als die Sache?

Christoph Matschie: Ich werbe dafür, dass gemeinsames Lernen bis zur Klasse 8 zum Standard wird - so wie wir es in Thüringen bereits von früher kennen. Das bisherige Sortieren nach nur vier Jahren Grundschule wird den Fähigkeiten vieler Kinder nicht gerecht. Längeres gemeinsames Lernen schult nicht nur den Zusammenhalt und die soziale Kompetenz unserer Kinder, es führt auch zu besseren Lernerfolgen. Gemeinsames Lernen heißt für mich jedoch nicht Gleichmacherei. Ich möchte vielmehr, dass jeder Schüler im Rahmen eines gemeinsamen Unterrichts stärker individuell nach seinem Leistungsstand gefördert wird. In der Bildungspolitik schlage ich darüber hinaus ein ganzes Maßnahmepaket vor. Dazu gehört die Stärkung der frühkindlichen Bildung und die Ausbildung der Erzieherinnen auf Fachhochschulniveau ebenso wie mehr Eigenverantwortung für die Schulen und eine bessere Lehrerbildung. All diese Ansätze müssen aber auch bundespolitisch tragen. Ich bin überzeugt, die Stärke des deutschen Bildungssystems liegt nicht im Wettbewerb von 16 Bundesländern. Wir brauchen wieder mehr Einheitlichkeit im Bildungssystem. Deshalb setze ich mich für nationale Bildungsstandards ein, die in Suhl genauso gelten wie in Stuttgart.

JJ: Halten Sie die mittelständischen thüringischen Unternehmer, verglichen beispielsweise mit den schwäbischen, vom Unternehmergeist her wettbewerbsfähig?

Christoph Matschie: Aber natürlich. Davon hab ich mich bei vielen Firmenbesuchen überzeugen können. Wieso sollte auch der Unternehmergeist im Schwäbischen anders ausgeprägt sein als im Thüringischen? Sicher gibt es Unterschiede, die mit der Situation an den jeweiligen Standorten zu tun haben. Aber prinzipiell sind Thüringer Mittelständler durchaus wettbewerbsfähig.

Foto: A. Müller

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