Erinnerung
Sonntag früh stand der Kurs immer fest. Der Gipfel des 487 Meter hohen Ulsterbergs wartete auf meinen Vater und mich. Unbeschwert tänzelte ich neben ihm her und hörte mir die Geschichten an von den Hasen, die der schlitzohrige Jäger zur Strecke bringt, indem er Pfeffer auf einen Stein streut oder dem Fleckchen Erde, dass die Einheimischen Glockenloch nennen und wo der Weihnachtsmann die Lebkuchen backt.
Nach dem Gewaltmarsch nahmen wir in der Dorfschänke Platz, der Vater am Stammtisch und der Sohn am Fenster, dass zur Bushaltestelle heraus zeigte. Ich bestellte entweder die grüne Waldmeisterlimonade oder aber Vita Cola. Dieses Getränk hat zufällig das selbe Geburtsjahr wie ich – 1958.
Ministeriumsbeschluss
Die Chemische Fabrik in Miltitz hatte einst vom Ministerium für Lebensmittelindustrie der DDR den Auftrag bekommen eine koffeinhaltige Limonade zu entwickeln. Die Genossen setzten den Parteiauftrag nicht nur um, sie setzten einen drauf: Den Spritzer Zitrone. Lapidar hieß das Ganze zunächst „Brauselimonade mit Frucht- und Colageschmack“, bevor sich dann doch der Name „Vita Cola“ behauptete und auf den Etiketten stand.
Schon bald produzierte in jeder Ecke der Republik ein Getränkekombinat, dass mit dem schwarzen Durstlöcher seine Pläne erfüllte. Bis zur Wende. Dann zog es den nunmehr freien Bürger zu exotisch und weltmännisch klingenderen Markenprodukten.
Neustart
Mitte der neunziger Jahre, im idyllisch gelegenen Städtchen Schmalkalden, belebte die Firma „Thüringer Waldquell“ die Cola mit dem gewissen Etwas neu. Zum leichten Zitronengeschmack gesellten sich die Flasche im Retro-Look und ein augenzwinkernd mit der DDR-Vergangenheit kokettierendes Image. Zur klassischen Vita Cola haben sich inzwischen eine zuckerfreie und eine schwarze Variante mit purem Colageschmack gesellt.
 Markterfolge
Während die großen Wettbewerber derzeit deutliche Absatzverluste hinnehmen müssen und der Gesamtcolamarkt nur 1,1 Prozent Wachstum verzeichnen konnte, ist Vita Cola mit einem Plus von neun Prozent eindeutiger Gewinner im Sektor der koffeinhaltigen Brauselimonaden. Dabei sind es nicht mal nur die (N)ostalgiker, sondern viele junge Leute, die zur ostdeutschen Traditionsmarke greifen.
Dazu trägt sicherlich auch das Sponsoring von Vita Cola von Musik-Events bei, wie beispielsweise „POP UP“, „Battle Of The East“ oder „Mega Rock“. Jetzt, im Jubiläumsjahr, erobert das Kultgetränk erstmals ostdeutsche Kinoleinwände. Mit einem Werbespot macht Vita Cola Durst auf mehr von sich.
Ausblick
Mit meinem Vater erklimme ich schon lange nicht mehr den Ulsterberg-Gipfel. Die Dorfschänke gibt’s nicht mehr. Waldmeisterlimo auch kaum noch. Was aber in diesem Jahr, da Vita Cola und ich 50 Jahre jung wurden, auf jeden Fall noch passieren wird? Ich werde eine Flasche mit der schwarzen Brause öffnen und mit ihr auf den Geburtstag anstoßen!
Jo. |