| Zeitzeichen aus dem Thüringer Wald |
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![]() Ostmarken im Wandel Entweder „Puhdys“ oder „Karat“- Musik hören, entweder „Mifa“ oder „Diamant“- Fahrrad fahren, entweder „Ruhla“ oder „Glashütte“- Uhr am Arm, das waren die Alternativen zu DDR-Zeiten. Nach der Wende 1989/1990 erweiterte sich der Kreis der Wahlmöglichkeiten enorm. Und das über Nacht. Manche Ostmarken verschwanden ganz von der Bildfläche, manche dümpelten vor sich hin, manche feierten ein strahlendes Comeback. Irgendwo im Thüringer Wald klebt ein Städtchen förmlich in einer Schneise. Auf beiden Seiten von hochaufschießenden, bewaldeten Bergen umgeben stehen im Zentrum dicht bei dicht Fachwerkhäuser und solche, die mit Schiefer beschlagen sind, verbunden von engen Gässchen und beschaulichen Plätzen. Am Stadtrand geht es da schon lichter zu. Hier und da verliert sich ein einzelnes Häuschen im Waldrand, nur über einen holprigen Weg zu erreichen. Eine Firma und ihre Geschichte In diesem Ort schrieben die Gebrüder Christian und Georg Thiel Geschichte- Ruhla. Zunächst mit der Produktion von Feinmechanik und Spieluhren beschäftigt, packte die Beiden um das beginnende 20igste Jahrhundert herum der Ehrgeiz, eine Uhr zu produzieren, die für Jedermann erschwinglich war- zum Preis von drei Reichsmark. Eine unternehmerische Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Allerdings liefen die Fabrikeigner auch einem weniger ruhmreichen Trend nach- dem Nationalsozialismus, und das gar im 2. Weltkrieg als NSDAP-Musterbetrieb. Schnell erfolgte deshalb nach Ende des Gefechts die Enteignung, ein Betrieb unter sowjetischer Führung entstand, im Jahr 1952 dann ein Volkseigener Betrieb, zeitweise gar ein Kombinat. Die Leitung dieses verzweigten Großunternehmens saß in Ruhla, wo hauptsächlich Massenproduktion von Armbanduhren und Weckern, aber auch Sonderproduktionen auf dem Plan stand, während im sächsischen Glashütte hochwertige Chronometer, teilweise im Manufakturbetrieb hergestellt wurden und in Weimar Wohnzimmer- und Küchenuhren. Von Beginn an war die Uhrenfertigung eng verflochten mit der Entwicklung und Fabrikation von Feinmechanik. Die Thüringer Tüftler und Arbeiter schufen also nicht nur die Uhren und Produkte der Feinmechanik, sondern auch die Maschinen und Werkzeuge, mit denen diese produziert wurden, größtenteils selbst. Daran änderte auch die politische Wende vom sozialistischen ins marktwirtschaftliche System nichts. Was einen Wandel erfuhr, waren die Strukturen der betrieblichen Organisation. Die allumfassenden „Uhrenwerke Ruhla“ zerfielen in viele Kleinbetriebe. Vom Spediteur über den Elektromeister, bis hin zu nach wie vor Produzenten von Feinmechanik und Zeitmessern, schossen neue Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. ![]() Neustart nach Wende Für die Uhrenbauer fielen zunächst die bestehenden Vertriebswege weg und das Image, dass Ruhla-Uhren nach wie vor gehen, also nicht durch Ganggenauigkeit glänzen, schien kein gutes Startkapital für die neu entstandene Firma „Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla GmbH“. Ein Schweizer Unternehmensberater empfahl, die Markenbezeichnung „Ruhla-Uhr“ erst mal außen vor zu lassen. Die Firmenchefs besannen sich auf die Schachuhren mit dem geschützten Name „Gardè“ und so war der Name des neuen Betriebes entstanden. Trotz der französisch anmutenden Bezeichnung handelt es sich noch heute um eine Ur-thüringische Firma. Geschäftsführer Fredy Kehr-Ritz hört man die im Raum Ruhla verwurzelte Herkunft schon an der Sprache an. Seine Mitarbeiterinnen sind zum Großteil aus zehn Kilometer Umkreis und schon lange im Unternehmen beschäftigt. „Wir haben kaum Fluktuation“, erzählt der Chef und berichtet von Freuden und Sorgen beim Ringen um geeigneten Nachwuchs. Manchmal strahlt er vor Begeisterung, manchmal hadert er mit dem Bildungssystem und der Unrast der Jugend, wenn er über seine Lehrlinge plaudert. „Fast die kompletten acht Stunden pro Tag sind konzentrierte Arbeit im Sitzen“, gibt Fredy Kehr-Ritz zu bedenken. Ein gutes Betriebsklima ist ihm dabei sehr wichtig. „Meine Tür steht immer offen“, sagt er gerne und ergänzt, dass dieses Angebot auch angenommen werde. Dieser Umstand, sowie moderne Technik und Kreativität sorgen dafür, dass „Gardè Uhren und Feinmechanik“ Europa- und weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießen. Mittlerweile kann man die Produkte aus dem idyllischen Ort wieder offensiv beim Name nennen. Ruhla ist nun ein Synonym für Qualität, Individualität - auf Grund überschaubarer Serien- und ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. „Nach wie vor – Uhren aus Ruhla“ kokettiert man augenzwinkernd mit der wechselhaften Vergangenheit und schaut optimistisch in die Zukunft. Jo. |
| Foto: Gardé-Uhren Ruhla |
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