„Die Amis sind doch schon mal einmarschiert und haben Merkers geplündert“, erzählt irgendjemand im Hintergrund. „Zumindest die Nazischätze im Schacht“, präzisiert sein Gesprächspartner. Anlässlich der 700 Jahr-Feier ziehen sie wieder durchs Dorf, über 60 Jahre danach. Diesmal kommen die amerikanischen Soldaten mit den Militärfahrzeugen, Uniformen und Waffen von seinerzeit in friedlicher und zweifelsfreier Mission.
Stilecht schleichen und fahren sie durch die Straßen, nach potenziellen Feinden spähend, die es jedoch im Merkers des Jahres 2008 nicht gibt. Lediglich Bundeswehrsoldaten stehen vereinzelt am Rand und versuchen gemeinsam mit einem Polizisten die Masse der Schaulustigen zu ordnen. Die Befreier winken den Merkersern zu, ein GI ruft einen Junge herbei: „Come on Boy!“, um ihm, wie einst, eine Tafel Schokolade zu reichen. Die sieht sogar so aus, als käme sie direkt aus den Staaten.
Wieder wagt ein Passant aus der Menge einen Exkurs in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges: „Die USA haben uns doch damals für ein Stück von Berlin an die Russen verkauft!“ So ungefähr mag es gewesen sein, eine genauere historische Analyse der damaligen Geschehnisse und eine Wertung aus heutiger Sicht geht im Gerangel verloren. Die Dorfbewohner und ihre Besatzer aus Übersee strömen nun zum Festzelt. Sicher gibt es Bratwurst, Limo und Bier. Was soll bei dieser Aussicht der Blick zurück?
„Ihr seid befreit!“, ruft einer der Soldaten noch und lächelt aus dem LKW. „Es wurde Zeit“, bestätigt ihn eine Frau aus dem Volk.
Let’s go.
Nachträglicher Kommentar
Weil Hobby-Schlussredakteurin Jasmin der Meinung ist, diesem Text fehle der konkrete historische Hintergrund, hier noch ein Nachtrag: Wir schreiben das Jahr 2008. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein souveräner Staat, der von keiner Besatzungsmacht mehr diktiert wird und auch die Zeiten, da verschiedene Einflüsse das Land spalten, sind durch. Das die Situation sich dahin entwickelte, war höchste Zeit.
Deshalb ist mir persönlich völlig egal, ob und in welcher Weise die Amerikaner seinerzeit in Merkers oder sonst wo geplündert haben. Immerhin waren sie später in Vietnam, sind jetzt im Irak und haben ihre ausschweifende Außenpolitik beibehalten (wobei das Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg an sich sicher gerechtfertigt war, nur der Zeitpunkt überdenkenswert). Mir ist genauso egal, wie und warum die Sowjetarmee welchen Teil von Berlin gegen welchen Teil von Thüringen getauscht hat und auch, wie die Soldaten im wahrsten Sinne des Wortes in den besetzten Wohngebäuden gehaust haben.
Zur Merkerser 700-Jahrfeier haben einige amerikanische Freunde das bunte und friedliche Treiben bereichert, die russische Opernsängerin Anna Netrebko begeistert mit Stimme und Schönheit Deutschland und die gesamte Welt. Bei sportlichen Wettkämpfen wie der vergangenen Fußball-EM oder den kommenden Olympischen Spielen messen junge Athleten fair ihre Kräfte. Wenn das Politik und Militär auch noch hinbekommen, sich ebenso erwachsen zu benehmen, dann sind irgendwann Plünderungen, Bereicherungs- oder Machtkriege Geschichte, die uns die Köpfe schütteln und bestenfalls bitter lächeln lassen.
Was meint Hobby-Schlussredakteurin Jasmin dazu? Gut gebrüllt, Löwe!
Jörg Joachim |