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Oh Gott, du fährst nach Israel

Bild wird geladen...Dieser Stoßseufzer ist symptomatisch. Die meisten Freunde und Bekannten reagieren skeptisch, als sie von meinen Reiseplänen nach Israel erfahren. Meine Mutter macht sich sogar ernsthafte Sorgen. Dabei war ich seit 1995 schon drei Mal im gelobten Land und bin jedes Mal wieder gesund nach Hause zurückgekommen. Der schwelende Nahostkonflikt hat die Menschen hierzulande offensichtlich nachhaltig verunsichert, ohne dass genau bekannt ist, was auf der Landbrücke zwischen Asien und Afrika am östlichen Rand des Mittelmeers vorgeht. Die Holzschnitt-artige Berichterstattung in den Medien tut ein Übriges dazu.

Diesmal hatte ich Gelegenheit, ein wenig hinter die Kulissen zu blicken. Eine Studienreise der Gewerkschaft ver.di in Zusammenarbeit mit „Keshet The Center for Educational Tourism in Israel“ hat's möglich gemacht. Viele Vorträge müssen aber erst noch verdaut werden. Fürs Reflektieren vor Ort war die eine Woche leider viel zu kurz – trotz abendlichem Gedankenaustausch im Kollegenkreis bei „Goldstar“- oder „Makkabi“-Bier.

Zu den bleibenden Erinnerungen zählt ein Ausflug nach Sderot unweit des Gazastreifens. Sderot ist eine israelische Kleinstadt, 70 Kilometer südlich von Tel Aviv und 40 Kilometer nördlich von Beer-Scheva. Jede Bushaltestelle ist mit einem Bunker kombiniert. Grund: Das Gebiet ist seit Jahren nahezu täglich Ziel von „Kassam“-Raketen, die vom nur rund fünf Kilometer entfernten Gazastreifen abgeschossen werden. In der örtlichen Polizeistation werden die Flugkörper gesammelt . Im Alarmfall haben die Menschen lediglich 15 Sekunden (!) Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, sagt der israelische Reserveoffizier, der uns durch die Stadt führt.

Ein Raketenangriff bleibt uns erspart. Die nächste „Kassam“-Rakate schlägt erst tags darauf ein, richtet aber glücklicherweise keinen Schaden an, wie ich aus den Medien erfahre. Dafür bekommen wir kurz vor der Abfahrt aus Sderot mit, dass es in der Yaffa Straße in Jerusalem – also nur wenige hundert Meter von unserem Hotel entfernt – einen Terroranschlag gegeben hat. Erst ist von drei, später vier Toten und Dutzenden Verletzten die Rede. Das Buldozzer-Attentat bringt die Menschen vor Ort allerdings nicht aus dem Gleichgewicht, wie wir wenig später feststellen. Der Satz „Das Leben geht weiter“ hat in diesen Breitengraden eben eine ganz besondere Bedeutung. Leider reagieren auch Premierminister Ehud Olmert und die Sicherheitskräfte nach dem üblichen Muster von Gewalt und Gegengewalt.

Bild wird geladen...Beim Anblick der Sperranlagen, die das israelische Kernland vom Westjordanland trennen und innerhalb bewohnter Gebiete als zehn Meter hohe Mauer ausgebildet sind, bekommt der Betrachter regelrecht Gänsehaut. Den offiziellen Sicherheitsargumenten hat er jedoch wenig entgegenzusetzen. Die Argumente der Palästinenser kennt er nur vom Hörensagen. Eine Wertung ist deshalb – gelinde gesagt – schwierig. Ein bisschen Licht ins Dunkel bringen könnten Gespräche mit der Bevölkerung – vorausgesetzt man ist des Hebräischen und Arabischen mächtig. Auf Englisch bleiben derartige Gespräche ziemlich oberflächlich.

Während ich diese Zeilen zu Hause am friedlichen Bodensee in den Computer tippe, werden zwei Grenzpolizisten schwer verwundet, als ein Terrorist in der Nähe des Löwentors in der Altstadt Jerusalems das Feuer auf sie eröffnet. Ich halte kurz inne, dann schaue ich mir das Bild von der Altstadt Jerusalems an, das ich vom Dach des Österreichischen Hospiz gemacht habe – und schmiede Pläne für den nächsten Besuch im gelobten Land. Die „Das-Leben-geht-weiter-Philosophie“ der Israelis scheint mich angesteckt zu haben.

Gerd Ahrendt

Tipps für Israelreisende von Gerd Ahrendt finden Sie hier.

Foto: G.A.

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