| „Kaum zu beschreiben wie tapfer die Menschen sind“ |
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Sabine Wilke von der Hilfsorganisation Care war vor Ort. Zwei Wochen lang machte sie sich ein Bild von der Lage auf Haiti nach dem schweren Erdbeben Mitte Januar. Über ihre Eindrücke berichtet sie direkt, sehr persönlich und sehr nah:
JJ: Sabine, Sie waren vom 10. bis 23. Februar auf Haiti. Als Sie ankamen lag das verheerende Erdbeben einen Monat zurück. Wie haben Sie die Situation vorgefunden, was ist während Ihrer Anwesenheit geschehen? Sabine Wilke: Einen Monat nach dem Erdbeben ist die Zerstörung immer noch überall deutlich. Zwar sind die Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince inzwischen weitestgehend vom Schutt und Geröll befreit, aber man sieht immer noch überall riesige Trümmerberge, wo einst Häuser standen. Jeder Quadratmeter freie Fläche wird von Menschen eingenommen, deren Häuser zerstört wurden und die jetzt im Freien schlafen müssen. Viele Unterkünfte bestehen nur aus Bettlaken und Ästen, so ein Obdach hält natürlich dem Regen nicht stand. Deshalb verteilen CARE und andere Hilfsorganisationen derzeit Plastikplanen an die Menschen. Daraus kann man eine wetterfeste Unterkunft machen, die nicht allzu viel Platz kostet. Es sind rund 1,2 Millionen Menschen obdachlos und es fehlt in der Stadt an ausreichend Fläche. JJ: Haben Sie gespürt, wie Hilfe von außerhalb - beispielsweise aus Deutschland - vor Ort angekommen ist? Sabine Wilke: Auf jeden Fall. Zum einen sind natürlich viele Nothelfer eingeflogen, die vor Ort mitarbeiten. Aber auch Geldspenden kommen an. CARE hat bis heute rund 265.000 Menschen erreicht – mit sauberem Trinkwasser, Unterkünften, Nahrung, Matratzen, Hygiene-Kits und anderen Gütern. Auch wenn die logistischen Herausforderungen groß sind und über drei Millionen von Menschen betroffen – ich habe gesehen, was Hilfsorganisationen wie CARE leisten und dass die Unterstützung bei denen ankommt, die sie am dringendsten brauchen.
JJ: Sicher hatten Sie viele Begegnungen mit Menschen, die auf irgendeine Weise zu Schaden gekommen sind. Wie sind diese damit umgegangen? Sabine Wilke: Ich war jeden Tag und mit jeder Begegnung aufs Neueste beeindruckt davon, mit welcher Stärke die Menschen dieser Katastrophe begegnen. Viele Betroffene erzählten mir furchtbare Geschichten von Verlust und Schmerz, aber bei allen gab es diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Schlimm ist es, wenn die Stadt von Nachbeben erschüttert wird – das ist während meines Aufenthaltes einige Male geschehen. Dann werden natürlich die Erinnerungen an den 12. Januar wach und die Menschen durchleben wieder diese Todesangst. JJ: Was können Sie insbesondere über die medizinische Versorgung sagen? Sabine Wilke: Ich habe mit einigen Frauen gesprochen, die gerade entbunden haben – glücklicherweise konnten sie das alle in einem Krankenhaus tun. In vielen Camps sind auch mobile Gesundheitsstationen eingerichtet. Unsere größte Sorge ist im Moment der Ausbruch von Krankheiten zur Regenzeit. Denn wenn Abwasser und Fäkalien nicht abgeleitet werden können, entstehen wahre Seuchenherde. CARE baut deshalb Latrinen mit Waschbecken zum Händewaschen und entfernt das Abwasser rund um die Camps. JJ: Wie ist es Ihnen selbst auf Haiti gegangen, Sabine, gab es voll funktionierende Hotels, Busse, Läden, Restaurants? Sabine Wilke: Vier Wochen nach dem Erdbeben gibt es natürlich schon wieder so etwas wie Alltag – und man muss sagen: zum Glück! Frauen verkaufen Obst und Gemüse, einige Geschäfte sind wieder geöffnet, und die bunten Tap-Taps - kleine Busse, die sehr schön bemalt sind - fahren wieder auf den Straßen. Ich habe mit Kollegen zusammen in einer Wohnung übernachtet, wir hatten Luftmatratzen und zwei Betten. Einige unseres Teams schliefen aber auch in Zelten im Hof des CARE-Büros. JJ: Mal unabhängig von der Katastrophe dort, wenn das möglich ist, wie haben Sie die Einheimischen kennen gelernt, als freundliches, gastliches Volk? Sabine Wilke: Ich habe mein Herz an dieses Land verloren. Es ist kaum zu beschreiben, wie tapfer die Menschen mit ihrer Situation umgehen. Trotz des Leids und der Zerstörung waren meine haitianischen Kollegen von CARE immer hilfsbereit, zuverlässig und brachten mich oft zum Lachen. Wahrscheinlich ist das auch gerade besonders nötig: Das die Menschen miteinander weinen, lachen und anpacken. Wenn ich mit Menschen in Camps gesprochen habe, gab es dort nie Ablehnung oder Scham. Vielen war es geradezu ein Anliegen, ihre Geschichte zu erzählen, damit die Welt Haiti nicht vergisst. Und jeder noch so traurige Bericht endete mit der Hoffnung, dass Haiti sich verändern wird und es den Menschen in Zukunft besser gehen wird. Mir geht ein junges Mädchen nicht aus dem Kopf, die ich in Carrefour kennengelernt habe. Wilna ist 13 Jahre alt und trug an dem Sonntag ein blütenweißes Kleid, weil sie am Morgen in der Kirche war. Ich fragte, wie sie in einer solchen Situation ihr Kleid so sauber waschen könne. Sie lachte und erklärte mir, dass sie sehr viel Waschmittel benutzt hat. Und dass sie eines Tages selbst Schneiderin werden möchte. Meine größte Hoffnung ist, dass die Welt Haiti unterstützt, bis Wilnas Traum in Erfüllung gehen kann. JJ: Sabine, was hat Ihre Organisation Care in Haiti erreicht? Wie können wir aus Deutschland jetzt noch helfen? Sabine Wilke:CARE arbeitet sowohl in der Hauptstadt Port-au-Prince als auch in der sehr schwer zerstörten Stadt Léogâne. Wir haben bis heute rund 120.000 Menschen mit Reis unterstützt, Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen für 33.000 Menschen bereitgestellt, 31.000 Menschen mit Zelten und Plastikplanen versorgt und Küchensets, Matratzen und andere Güter für rund 77.000 Menschen verteilt. Das ist die aktuelle Nothilfe. In den kommenden Monaten wird CARE dann am Wiederaufbau arbeiten. Die Menschen brauchen erdbebensichere Unterkünfte, das Gesundheitssystem muss wieder aufgebaut werden, Schulen und andere Einrichtungen versorgt werden. CARE arbeitet seit 1954 in Haiti und wird sich auch noch weiter engagieren. Es ist wichtig, dass Haiti nicht aus den Köpfen der Menschen verschwindet. Wir haben schon viel Unterstützung für die Nothilfe bekommen, aber der Wiederaufbau wird mehrere Jahre dauern. Und um diese Arbeit gut zu erledigen, braucht CARE weiterhin finanzielle Hilfen, auch aus Deutschland. Wir informieren die Spender auf der Website care.de natürlich darüber, was mit den Geldern gemacht wird. So kann jeder sicher sein, dass seine Unterstützung auch ankommt. Weitere Informationen: www.care.de |
| Foto: www.care.de |
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