| Es geht auch anders |
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Bis zum 2. Februar 2010 kannten nur relativ wenige Menschen Lena Meyer-Landrut. Aber seit diesem Abend freuen sich sehr viele Deutsche über die Schülerin aus Hannover und wollen sie aus Niedersachsen in die norwegische Hauptstadt schicken. Mit ihrem Auftritt bei USFO sang sich die 18jährige mit dem großen musikalischen Talent und der lebhaften Freude in die Herzen der Jury und Fans. Ihre Konkurrenten bewiesen ebenfalls, dass sich die wirklich mit einer guten Stimme und überzeugender Performance gesegneten Künstler bei Raab bewerben, wo ihre Qualitäten statt hohler Sprüche im Mittelpunkt stehen.
Das Kontrastprogramm erlebt man in diesen Wochen, wenn man einen Tag nach USFO auf der Fernbedienung RTL wählt oder die Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben aufschlägt. Da sieht man eine eingenässte Hose oder Schlagzeilen wie „Deutschland sucht den Superbusen“ und fragt sich, was eine nervöse Blase oder weibliche Körperteile mit gesanglichen Höchstleistungen zu tun haben. Beides ist natürlich so sinnlos wie der Veranstaltungsort an einem karibischen Sandstrand. Aber Hauptsache, ein gewisser Dieter B. hat ein gemütliches Ambiente, wenn er alle Grundsätze des zwischenmenschlichen Respekts vergisst. Kennt Dieter B. eigentlich Begriffe wie Timbre oder Falsett? Diese beiden extremen Gegensätze verdeutlichen, wie unterschiedlich man eine Castingshow gestalten kann. Die Suche nach neuen Künstlern ist längst nicht mehr auf die Musik (oder was man Musik nennt) beschränkt. Talente werden überall gesucht: Models, Zauberer, Tänzer, Schauspieler oder einfach Leute, die irgendwas können. Wenn man Stefan Raab heißt, gibt man dem Produkt eine Abkürzung, die länger ist als anderswo der komplette Titel. Ansonsten benutzt man mittlerweile abgenutzte Begriffe wie „Star“ oder „Talent“ und setzt irgendeine überhöhende Bezeichnung wie „super“ oder „top“ davor. Ganz unabhängig davon, ob die jungen Menschen, die zukünftig mit diesem Brandzeichen durch die Gegend laufen, die dadurch suggerierte herausragende Qualität überhaupt besitzen. Wenn man ein Dokument kopiert und die Kopie erneut vervielfältigt, kann man von der ursprünglichen Vorlage irgendwann nichts mehr erkennen. Ähnlich ergeht es den Castingshows, die nur auf die Einschaltquoten und schnelle Erfolge ausgerichtet sind. Der Sieger erscheint im Rausch kurzfristig als Held, aber am nächsten Morgen kommen die Kopfschmerzen und wenn die Übelkeit vorbei ist, erinnert man sich an nichts mehr. Bis dann kurze Zeit später der nächste Alkohol in Form von DSDS oder ähnlichen Formaten zum Konsum bereit steht. Aufreißen, vernaschen, wegwerfen. Das passt natürlich zu einer Gesellschaft, in der immer mehr Lebensinhalte auf kurze Abschnitte ausgelegt werden; Partnerschaften, Arbeitsplätze und vieles mehr – alles im schnellen Wechsel. Zum Glück gibt es da noch positive Erscheinungen wie Stefan Raab, der in seinem Comedy-Leben zwar für große (An)Sprüche gefürchtet wird, aber musikalisch die viel beschworene Nachhaltigkeit fördert. Sein erster Casting-Sieger Max Mutzke erreichte in Istanbul die Top10 und ist immer noch aktiv. Raabs zweite Entdeckung Stefanie Heinzmann ist weiterhin erfolgreich auf Tour und für wichtige Auszeichnungen nominiert. Dass die eingangs erwähnte Hannoveranerin Lena gleich mit der Walliserin verglichen wurde, sagt eigentlich schon alles über die hohe Erfolgsquote beim Kölner. Dabei greift Raab lediglich zu den einfachsten Mitteln, die zu einem seriösen Casting gehören. Die Suche nach Talenten gab und gibt es schließlich auch außerhalb der typischen Fernsehshows. An Musikakademien, Schauspielschulen oder bei Modelagenturen wird nach begabtem Nachwuchs gefahndet. Die Kandidaten stellen sich mit ihren Fähigkeiten vor, eine Jury wählt Schritt für Schritt die Besten aus und am Ende bleiben die Teilnehmer mit dem größten Potential übrig, die dann in den jeweiligen Branchen zum Einsatz kommen. Dazu braucht man keine große Klappe und keine Homestory. Vielleicht müssen wir mal in einem Casting fähige Juroren suchen. Markus Schnitzler (http://www.kein-blatt.de/aktuelle_Ausgabe.php) |
| Foto: NDR/ProSieben/Willi Weber, obs/Krombacher Brauerei GmbH&Co |
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