| Die mit dem Pferd tanzt |
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Der weiße Wallach Sulamin zieht seine Kreise durch den Schnee. Hinter, vor oder neben ihm läuft aufmerksam und sicheren Schrittes Angela Kurylas. In den Händen hält sie ein Seil. Genau genommen ein Pat Pirelli-Seil. Wie ein Lasso wirft sie es manchmal in Richtung des Pferdes. Sie will Sulamin nicht einfangen, sondern lediglich ihren Aktionsradius verlängern, um das Tier zu dirigieren.
Angela zeigt, wie sie den Vierbeiner zunächst jagt, sich dann von ihm verfolgen lässt und als sie seine Nase an ihrer Schulter spürt, erklärt sie: „Das ist der JoinUp, der Moment, in dem das Pferd beschließt, eine Bindung mit dem Menschen einzugehen.“ Je nach dem, wie lange die Beiden ungestört trainieren, gestaltet die promovierte Biologin ihre Gesten und Zeichen immer dezenter. Und Sulamin reagiert immer schneller. Führen und geführt werden Irgendwann kommt Angela auf eine Idee mit Folgen. Der Beobachter soll zum Akteur werden. Ich recherchiere also nicht mehr, ich greife ins Geschehen ein. Zunächst mal übe ich den Umgang mit dem Seil, schließlich soll ich den Schimmel nicht damit treffen, nur in die gewünschte Richtung lenken. Eigentlich ja in die von mir gewünschte Richtung, aber Sulamin sieht das anders. Ich bin ihm wohl nicht entschieden genug, überlege zu viel und zu lange, erscheine unsicher. Also übernimmt er die Kontrolle. Auch ohne Seil. Angela war da reaktionsschneller und überzeugender. Sie korrigiert mich, zeigt mir andere Möglichkeiten, Sulamin klar zu machen, wo es lang geht. Meist bleibt er indes stehen, schaut mich an oder weg. „Lauf mal!“, schickt Angela mich los und der Schimmel folgt mir, wenn auch zögerlich. Das ist wohl ein gutes Zeichen. Zumindest bemerkt er mich. Irgendwann schaffe ich es, dass er wirklich vor mir weg läuft. Zwar nur wenige Schritte, weil ich nicht zielstrebig genug folge, zu spät reagiere und überhaupt – wie im richtigen Leben – viel zu viel nachdenke, statt handle. Aber selbst mir gelingt es, den JoinUp zu erleben. Sulamin stupst mich in den Rücken, er hat mich anerkannt. Ein bisschen ... Liebe und Respekt
Angela ist mit Pferden aufgewachsen. Den Schimmel - ein Vollblutaraber und 9 Jahre alt - hat sie als Jährling gekauft. „Ich sah ihn und verliebte mich gleich!“, erinnert sie sich. Mehr als ihm zur Seite steht die braune Stute Amira. Sie ist 21 Jahre alt und wurde im damaligen Zuhause in Hessen geboren. „Im Alter von fünf Jahren, als ich mit dem Studium anfing, haben wir sie und unsere anderen Pferde verkauft. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, erzählt mir die Tierfreundin, „nach acht Jahren, also als sie 13 Jahre alt war, habe ich sie zurück gekauft, nachdem sie mehrmals den Besitzer wechseln musste, weil sie angeblich schwierig war. Ich habe Amira mit ihrer mütterlichen Art nur als die Ruhe selbst erlebt und wenn sie mit Kindern arbeitet, passt sie regelrecht auf sie auf und ist ganz vorsichtig. Man muss halt nur vernünftig, liebevoll und pferdegerecht mit diesen Tieren umgehen - dann haben sie auch eine Chance, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten!“ betont Angela entschieden und nachdenklich zugleich. Kommunizieren und Selbstbewusstsein finden
Mit Amiras und Sulamins Hilfe bietet die 33jährige Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Einzel- und Gruppenkurse unter dem Namen „ErlebnisPferdMensch“ an, in denen sie diese mit dem Thema Pferd vertraut macht. „Ich möchte mein Wissen als Verhaltensbiologin weiter geben und entsprechend kind- oder erwachsenengerecht vermitteln. Außerdem möchte ich ihnen die Gelegenheit geben, mit meinen Tieren Übungen zur Pferdekommunikation zu machen. Ziel dabei ist natürlich der Spaß an sich, aber auch die verbesserte Körper- und Sinneswahrnehmung, die Stärkung des Selbstvertrauens und des Selbstbewusstseins und die Förderung der Sozialkompetenz“, schildert Angela einen Teil ihrer Tätigkeit. Des weiteren bietet sie Reitern Einzelstunden mit dem Tier des Besitzers/der Besitzerin. Dabei möchte sie Pferd und Mensch unterstützen, ihre Schwierigkeit, die letztlich eine missverständliche Kommunikation von seitens des Menschen ist, gemeinsam zu überwinden. „Auch hier möchte ich mein Wissen als Verhaltensbiologin - wie beispielsweise das Gehirn arbeitet - und über Lernmethoden genauso einsetzen wie meine Erfahrung mit verschiedensten Pferden“, schildert Angela Kurylas ihr Vorhaben. Im Grunde geht es ihr darum, einen individuellen Weg für speziell den einen Reiter und speziell das eine Pferd zu finden. Mauern durchbrechen und vertrauenDie seit vier Jahren Oldenburgerin will viele Menschen erreichen und bewegen, um sie teilhaben zu lassen an dem ganz besonderen Erlebnis, dass ein Pferd schenken kann, wenn man ihm auf der Basis von Respekt, Vertrauen und Kooperation begegnet. Die Rückmeldungen, die sie bisher erhalten hat, sind durchweg positiv. Insbesondere Mütter sind begeistert, weil ihre Kinder nicht einfach nur das Reiten lernen, sondern vor allem den pferdegerechten, liebevollen Umgang mit den Vierbeinern. „Nicht selten kommt es vor, dass eine Kundin vor Freude, Bewegtheit oder was auch immer dahinter steckt, sogar weint. Es ist, als hätte das Pferd eine dicke Mauer durchbrochen, die die Frau von sich selbst getrennt hat“, freut Angela sich über die Früchte ihrer Arbeit, „wenn die Person erstens zuhört und versteht, was ich vermitteln möchte, zweitens dies umsetzt und in Interaktion mit dem Pferd tritt und dann drittens Zugang zu ihm bekommt und davon berührt wird.“ Zuhören und tanzen
Bei mir haben Angela und ihre haarigen Freunde genau das geschafft, auch wenn ich keine Frau bin und nicht als Kunde, sondern Berichterstatter kam. Zugehört habe ich, umgesetzt und einen Zugang zu Sulamin bekommen wenigstens teilweise, nachhaltig berührt hat mich die Zeit auf der Weide auf jeden Fall. Schon während der Heimfahrt, als ich andere Pferde auf einer Koppel erspähte, sah ich sie mit verändertem Blick. Viel näher irgendwie. Ich weiß nicht, ob meine Gastgeberin nach meinem Besuch noch mit der Stute Amira oder dem Schimmel alleine weiter trainiert hat. Wenn ja, dann brauchte sie nicht reden mit dem Pferd, um verstanden zu werden. Sie wird ihm Liebe und Respekt gezeigt und von ihm bekommen haben. Mensch und Tier haben kleinste Signale gesendet und empfangen, es entstand ein regelrechter Tanz. Wahrscheinlich hat sie die Welt vergessen und war eins mit dem Pferd. Jörg Joachim Weitere Informationen: http://www.erlebnispferdmensch.de/ |
| Fotos: A.K., JJ |
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