Titelseite Titelstory Aktuelles Ratgeber Leserbriefe Das Team Kontakt

Kelten, Kilts und Castles
Eine Reise durch Schottland
Bild wird geladen... „Nach Schottland? Da regnet es doch immer!“ – so die Reaktion vieler, denen ich von meinem Urlaubsziel erzähle. Das Wetter ist für mich aber nicht ausschlaggebend gewesen bei der Wahl der Reise. Ein Land mit so lebendiger und allgegenwärtiger Geschichte, mit überwältigender Natur und spannender, interessanter Kultur ist die optimale Destination für jemanden, der nicht nur zwei Wochen faul am Strand herumliegen, sondern auch etwas sehen und dabei Land und Leute kennenlernen will. Schon die Reiseplanung habe ich in vollen Zügen genossen, mir viel Zeit gelassen bei der Auswahl der Route und der Unterkünfte und wochenlang dem Urlaub entgegengefiebert.

Wir – mein Freund Michael, für den es der erste richtige Urlaub außerhalb Deutschlands ist und der eigentlich nicht gerne verreist, und ich, die ich jetzt das dritte Mal nach Schottland fahre und auch sonst schon einiges gesehen habe – starten in Edinburgh. Direkt am Flughafen holen wir unseren Mietwagen ab und machen uns auf den Weg, gespannt auf die vor uns liegenden Tage.

Ähnlich schwer wie die Auswahl der Route ist mir auch die Auswahl der Highlights für diesen Artikel gefallen, denn genau genommen war so ziemlich alles, was wir gesehen haben, ein Highlight. Das erste ist beispielsweise gleich unsere Wanderung von Callander, im Herzen des Loch Lomond & Trossachs National Park, zu den Bracklinn Falls. Als wir loslaufen, ist das Wetter zwar nicht blendend, aber trocken und angenehm. Doch schon nach kurzer Zeit fängt es an, wie aus Kübeln zu regnen. Michael ist gut ausgerüstet, hat er sich doch extra noch eine Outdoor-Jacke gekauft. Ich mit meiner alten Jacke, die mir im letzten Schottland-Urlaub gute Dienste geleistet hat, sehe dagegen schlecht – oder in dem Fall: nass aus. Doch der Anblick der Bracklinn Falls entschädigt für alles. Inmitten eines verwunschenen Märchenwaldes plätschern die Wasserfälle durchs Grün. Würde plötzlich eine Fee oder ein Kobold hinter einem der Bäume hervorschauen – wundern würden wir uns darüber nicht im Geringsten! Was wir zu sehen bekommen sind zwar keine tosenden, schäumenden Wasserfälle, aber dafür eine Szenerie, die so viel Ruhe, Gleichgewicht und Harmonie ausstrahlt, dass es fast zu schön ist, um wahr zu sein. Zudem ist die Luft hier in der Natur so klar und rein, dass man sie in Flaschen abfüllen und mitnehmen möchte.

Bild wird geladen...

Nach zwei Nächten in Callander legen wir die weiteste Strecke auf unserer Reise zurück, nach Portree auf der Isle of Skye sind es gut 300 Kilometer auf oftmals engen und schmalen Straßen. Aber selbst die Autofahrt ist interessant und macht Spaß, zumal wir unseren ersten Dudelsackspieler im Kilt treffen und noch einen Zwischenstopp bei Eilean Donan Castle einbauen, der wohl meistfotografierten Burg Schottlands. Schon seit dem 6. Jahrhundert ist diese Stelle besiedelt, die erste befestigte Burg stammt aus dem 13. Jahrhundert. So kann Eilean Donan Castle mit einer reichen und spannenden Geschichte aufwarten. 1719 wurde die Burg bei einem Jakobiten-Aufstand teilweise zerstört und lag rund 200 Jahre in Trümmern, bevor 1911 mit dem Wiederaufbau begonnen wurde. Dem neuen Burgherrn waren die Pläne der alten Burg nachts im Traum erschienen, sie stellen die Vorlage für die heutige Burg dar. Als Besucher bekommt man ein gutes und sehr lebendiges Bild, wie das Leben hier früher ausgesehen hat. Für mich persönlich ist Eilean Donan bislang eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste und interessanteste Burg Schottlands.

Unsere nächste Station, die Isle of Skye, ist auch für mich komplettes Neuland. So ist die Erkundung der Insel auch das, was uns die nächsten Tage beschäftigen wird. Wir beginnen zu Wasser, mit einer Bootsfahrt zum Sound of Raasay, wo es einen Seeadler-Horst gibt und wo wir natürlich hoffen, eines der Tiere zu sehen. Wir haben Glück, ein Seeadler sitzt vor seiner Behausung, man kann ihn zumindest schemenhaft erkennen. Aber es kommt noch besser: er beginnt einen Erkundungsflug und als unser Kapitän einen Fisch ins Wasser wirft, kommen wir in den Genuss, den Adler ganz aus der Nähe sehen zu können. Für mich ein absolut beeindruckendes Erlebnis, das sich in mein Gedächtnis einbrennt.

Bei unseren Erkundungsfahrten mit dem Auto über die Insel fällt vor allem eines auf: die Einsamkeit hier draußen. Es ist aber keine traurige Einsamkeit, sondern scheint gerade richtig zu sein. Mal hier ein Häuschen, mal dort ein Bauernhof, selbst die Dörfer sind nicht mehr als eine Ansammlung von ein paar wenigen Häusern. Aber die Leute, die man sieht, scheinen zufrieden und das wiederum gibt uns ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Gepaart mit dem spektakulären Anblick des Old Man of Storr, einer 40m in den Himmel ragenden Felsnadel, und den seltsam geformten Klippen von Kilt Rock fühle ich mich fast ein bisschen unwirklich.

Bild wird geladen...

Noch unwirklicher fühle ich mich, als wir zum Neist Point Lighthouse, dem westlichsten Zipfel von Skye laufen. Der Leuchtturm sitzt auf einer Klippe und ist vom Parkplatz aus noch gar nicht zu erkennen. Erst wenn man etwa die Hälfte des Weges hinter sich hat, taucht er plötzlich auf. Je näher wir dem Leuchtturm jedoch kommen, desto nebliger wird es – die Nebelinsel macht ihrem Namen alle Ehre! Und irgendwann ist der Leuchtturm dann auch einfach weg, verschwunden in dicken Nebelschwaden. Der Rückweg ist anstrengend und fast ein bisschen furchteinflößend: um uns herum nur noch Weiß. Alles ist still, den der Nebel verschluckt jedes Geräusch. Auf Single Road Tracks, den für Schottland typischen einspurigen Straßen, die hierzulande höchstens als Feldweg durchgingen, schlängeln wir uns langsam wieder zurück Richtung Portree, die Hauptstadt der Insel, wo wir unsere Unterkunft haben. Unterwegs treffen wir auf zahllose Schafe, die einfach so frei herumlaufen und des öfteren auch auf der Straße stehen und uns zum Anhalten zwingen, und natürlich auf die berühmten Hochlandrinder, große, gefährlich aussehende Tiere mit sanftem Gemüt und zottelig langem Fell, in das man sich gerne hineinkuscheln möchte.

Auch die Zeit auf Skye vergeht wie im Fluge. Wir treffen noch Bekannte, ausgerechnet hier am Ende der Welt, und verbringen einen wirklich lustigen, geselligen Abend mit ihnen in einem der zahlreichen Pubs in Portree. Und dann geht es auch schon weiter. Unser nächstes Ziel ist Oban, das auch „das Tor zu den Inseln“ genannt wird: von hier aus fahren die Fähren unter anderem auf die Inseln Mull, Iona, Staffa und Tiree. In dem lebendigen kleinen Ort, der auch für seine hervorragenden Seafood-Restaurants bekannt ist, haben wir die tollste Unterkunft bisher: stilvoll eingerichtet, ein Bad, in dem man problemlos Tango tanzen könnte, alles neu und schön. Und vor allem direkt am Meer gelegen. Wenn wir morgens das Haus verlassen, trennt uns nur die Uferstraße vom Wasser. Bekannt ist Oban übrigens auch für seinen Whisky, einen der klassischen Single Malts. Und so besichtigen wir hier auch die Whisky-Brennerei. Bei der Führung lernen wir, welche Zutaten das Getränk hat, dass es nach Torf, Rauch, Orange und Seesalz schmeckt und durften sowohl welchen probieren, der noch nicht gereift und daher farblos war, also auch das fertige Endprodukt, den 14jährigen Oban Single Malt.

Bild wird geladen...

In Oban nehmen wir uns dann auch ein bisschen Zeit für Shopping, schauen Kilts und Rugby-Shirts an, kaufen Bücher und Postkarten und genießen das traumhafte Wetter am Meer. Wir machen auch einen Spaziergang zu Dunnollie Castle, das man von der Corran Esplanade, der Strandpromenade in Oban, aus zwar sieht, das aber viele trotzdem nicht kennen. Viel zu sehen ist nicht mehr von der alten Burg, aber man hat einen grandiosen Ausblick auf die Bucht von Oban und das Castle hat eine interessante Geschichte, die bis in keltische Zeiten zurückgeht. Während der Jakobitenaufstände 1715 war Dunnollie Castle ein Jahr lang erfolglos belagert.

An unserem Abreisetag aus Oban ist das schöne Wetter weg, es ist neblig und trüb und so fällt uns der Abschied nicht ganz so schwer. Wir machen uns auf den Weg zu unserer letzten Station, Edinburgh. Doch unterwegs haben wir noch ein Zwischenziel: Stirling Castle. Hier haben wir am ersten Tag schon angehalten, hatten aber keine Zeit, uns die Burg auch anzusehen. Dafür nehmen wir uns jetzt alle Zeit der Welt und hören mit unseren Audioguides viel über die unglaublich interessante Geschichte Stirling Castles. Die strategisch günstige Lage am River Forth sichert der Burg eine wichtige Rolle in der Geschichte Schottlands. So wurde Stirling Castle im 12. und 13. Jahrhundert mehrfach von den Engländern belagert, vom schottischen Nationalhelden William Wallace 1297 zurückerobert, nur um nach der verlorenen Schlacht von Fallkirk wieder an die Engländer zu gehen. So könnte man weitererzählen bis ins 20. Jahrhundert hinein. 1543 wurde hier Maria Stuart gekrönt. Auch die Geschichte der Großen Halle, eines der zwei bedeutendsten Gebäude von Stirling Castle, ist ähnlich wechselhaft. Fanden hier im 16. Jahrhundert die wichtigsten gesellschaftlichen Anlässe des schottischen Königshauses sowie Parlamentssitzungen statt, diente sie nur wenige Jahre später als Pferdestall und Abstellplatz für Kutschen und im 18. Jahrhundert als Unterkunft für Truppen.

Bild wird geladen...

Die Geschichte von Stirling Castle spiegelt im Kleinen die Geschichte und das Schicksal Schottlands wider, das ähnlich zerrissen und inkohärent scheint. Und sie zeigt, wie spannend hier einfach alles ist. Es scheint keinen Stein zu geben, der nicht eine Geschichte erzählen kann. Beeindruckt von all dem, was wir gehört hatten, fuhren wir weiter nach Edinburgh, wo wir die letzten Tage verbringen würden. Neben einem Spaziergang durch die Stadt, bei dem wir sowohl Teile des Old Town als auch Teile des New Town sehen und uns ein erstes Bild von Edinburgh machen können, stehen ein Besuch in Edinburgh Castle und eine Führung in Mary King’s Close an. Letzteres wieder einmal ein absolut beeindruckendes und lebendiges Erlebnis.

Unter den Straßen von Edinburghs Royal Mile versteckt sich ein Gewirr von Gängen, die lange Zeit verschollen waren und erst vor einigen Jahren ausgegraben wurden. Hier unter der Erde erzählt man uns von den Menschen damals, von den Häusern, die bis zu zwölf Stockwerke hoch waren und in denen arm und reich nebeneinander lebten. Die Straßen und Gebäude sind sehr gut erhalten, sodass man einen erstklassigen Eindruck von der Enge bekommt und sich auch den Gestank und die Dunkelheit gut vorstellen kann. Die Impressionen aus Mary King’s Close sind kaum in Worte zu fassen, man muss es einfach selbst gesehen haben. Und auch wenn unser Guide, der Kaufmann Stephen Boyd, der im 17. Jahrhundert einen Verkaufsstand am oberen Ende der Mary King’s Close hatte, vielleicht manchmal etwas übertreibt, erfährt man doch unglaublich viel über Edinburghs „Hidden Past“, die verstecke Geschichte, die hier hinter jeder Ecke lauert und darauf wartet, entdeckt zu werden. Mary King’s Close wirbt übrigens mit dem Slogan „Die einzige Straße in Edinburgh, in der es nie regnet“ – eine tolle Alternative also an einem verregneten Tag. Als wir langsam unseren Weg zur Oberfläche bahnen, sind wir beide erleichtert wieder Tageslicht zu sehen und vor allem darüber, endlich wieder frische Luft atmen zu können. Ein beklemmendes Gefühl bleibt und wir haben genug Diskussionsstoff für den ganzen Abend.

Bild wird geladen...

Auch in Edinburgh ist die Zeit natürlich viel zu kurz und der Heimflug naht mit großen Schritten. Doch wieder regnet es und ist trüb und grau, uns bleibt die Hoffnung auf etwas Sonnenschein zuhause – und auf ein Wiedersehen mit Alba, so der keltische Name Schottlands, bei dem wir all die Dinge sehen und erleben können, die wir dieses Mal nicht geschafft haben. Und vermutlich würde ich genau diesen Satz auch über einen Reisebericht zum nächsten Schottland-Trip schreiben…

P.S.: Leider sind die Daten und Fakten alles andere als vollständig, aber ich wollte ja keinen Roman schreiben. Daher ein paar interessante Internet-Links für all diejenigen, die jetzt Lust auf einen Schottland-Urlaub bekommen haben oder sonst irgendwie neugierig geworden sind. Und natürlich habe ich für Fragen auch immer gerne ein offenes Ohr!

www.visitscotland.com/de – der schottische Tourismusverband

www.undiscoveredscotland.co.uk – gute Seite mit viel Wissenswertem über die einzelnen Städte und Regionen und mit Insider-Tipps

http://www.schottland-forum.de – tolles Forum mit netten Usern

http://www.realmarykingsclose.com – die Seite von Mary King’s Close, hier bekommt man einen Eindruck von dem, was einen unter Edinburghs Straßen erwartet

Elke Schwan

Fotos: ES privat

zurück
Impressum