| Nicht spielen sondern sein |
|---|
Julia Richter war 25 Jahre jung, als sie 1996 bei den Bad Hersfelder Festspielen die Hauptrolle in William Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ spielte. Mit ihren langen Haaren, den großen Augen und der jugendlich sympathischen Ausstrahlung bezeichneten rundum alle sie als geradezu prädestiniert.
Nur sie selbst spürte neben der Lust auf die Aufführung auch einen gewissen Widerwillen. Es winkten die Klischees und Schubladen, zudem schien ihr nicht leicht, von einer Bühne herab 1600 Menschen die leisen und zarten Töne zu vermitteln, die das Stück in sich birgt. „Doch der Regisseur Volker Lechtenbrink schenkte mir und Romeo Darsteller Sebastian Rudolph das volle Vertrauen. Es hat viel Spass gemacht und war toll, die Rolle letztlich in mir zu fühlen, gar nicht mehr spielen zu müssen“, erinnert sich Julia Richter zurück, „ich hatte nie das Gefühl, schreien oder laut sein zu müssen“. Weder mitgerissen weinende Freunde im Zuschauerraum, noch die Auszeichnung mit dem Hersfeldpreis 1996 indes hielten und halten bis heute die nunmehr 38jährige davon ab, den Erfolg nur als zeitweise Erscheinung zu betrachten. „Zum Ausruhen ist wenig Zeit. Was kommt als nächstes, bin ich wirklich richtig zufrieden, schaffe ich es? Diese Fragen sind ein guter Motor“, plaudert Julia Richter aus dem Nähkästchen. Wenngleich die Schauspielerin ihre Karriere als Kind schon auf der Bühne begann, beispielsweise an der Seite des legenderen Clown Ferdinand, den zu DDR-Zeiten jedes Kind kannte und liebte, im Friedrichstadtpalast auftrat und anfangs nur auf die Bretter, die die Welt bedeuten drängte, ist sie jetzt auch von den Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden kaum noch wegzudenken. Julia verkörperte in „Kommt Mausi raus?!“ eine homosexuelle Frau, spielte bei „Freunde fürs Leben“ mit, in „Sass“, „Lieb mich“, „Der Bulle von Tölz“, mehreren „Polizeiruf 110“ und, und, und … ![]() Dabei gab sie oft die Charaktere, die ihr jeder sofort abnimmt – junge, sympathische Frauen. „Ich habe nichts gegen diese Rollen, mag selbst das Happy End“, erzählt sie, „aber auch das eher Seichte muss man sich erst mal selbst glauben und darf es nicht klischeehaft darstellen. Das ist eine Herausforderung.“ Der Gefahr, festgelegt zu werden, begegnete Julia Richter unter anderem dadurch, „auch mal ‚nein’ zu sagen“. Und das war gut so. Denn dadurch, zudem mit einer fundierten Ausbildung, viel Einfühlungsvermögen und Talent im Gepäck, konnte sie den Zuschauern auch die andere Seite des Leben, die andere Seite ihres schauspielerischen Könnens zeigen. Beispielsweise beim SOKO Wismar spezial „Das dritte Feuer“ schlüpfte sie in die Haut einer eher undurchsichtigen, verschlossenen Frau, die weit weg davon, einen Freundlichkeitspreis zu erhaschen, der ermittelnden Kommissarin Rätsel aufgab. Auch da wirkte Julia Richter so, als würde sie nicht darstellen, sondern sein. Bei aller Begeisterung für den Beruf, bei allem Bemühen sich voll und ganz einzubringen, schaut die Ur-Berlinerin auch aus den Theaterfenstern und TV-Mattscheiben heraus über den Tellerrand. Sie wundert sich, dass vor Jahren weltweite Demonstrationen gegen die Kriegspläne vom damaligen US-Präsidenten George Bush Nullkommanichts einbrachten, sieht „sehr viel Ausweglosigkeit bei jungen Leuten“ und kann nachvollziehen, dass Menschen gelähmt sind, wenn sie nicht gebraucht werden. „Wirklich beeinflussen kann ich nur das eigene Umfeld“, sieht Julia Richter die Möglichkeit, „im Kleinen politisch und wach zu sein, verantwortungsvoll und hilfsbereit durch den Alltag zu gehen.“ Mit Spannung blickt sie auf die Wendezeit 1989/1990 zurück, als es in den Theatern des Ostens „politisch interessant wurde, eine geladene Atmosphäre herrschte und man mit Theater was verändern wollte“. In dem Zusammenhang erinnert sich die Schauspielerin an Ulrich Mühe, der sie nachhaltig beeindruckte. Egal indes, wo und wann Julia Richter ihrem Beruf nachgeht, egal welche Art Rolle sie spielt, eines möchte sie immer: „Die Menschen sollen mir glauben!“ Und wenn sie das erreicht, ist sie glücklich. Jo. |
| Fotos: (c) Heike Steinweg, (c) roam |
| zurück |
|---|
| Impressum |