Titelseite Titelstory Aktuelles Ratgeber Leserbriefe Das Team Kontakt

Mehr als ein Fluss
Bild wird geladen... Wenn in meiner Kindheit zu DDR-Zeiten die Ulster Hochwasser führte, brachte sie Zeugen der kapitalistischen Marktwirtschaft mit: Coca- und Pepsi Cola Flaschen oder Schuhcremedosen von Erdal. Wir konnten daraus nicht trinken, wir konnten damit nicht unsere Schuhe putzen, aber immerhin …

Im Sommer, wenn der Saum blühte, wussten wir, das Wasser ist warm genug zum baden. Oft ging die Taucherbrille mit und eine Unterwasserwelt von Fischen, Krebsen, Muscheln, Steinen und Glasscherben tat sich auf. Mit ein bisschen Glück huschte eine Äsche vorbei. Dieser lachsartige Forellenfisch war seinerzeit, auf Grund der Verschmutzung vieler Gewässer, noch seltener als heutzutage. Nur wenige Flüsse bieten dem Tier kühles, klares Wasser und Passagen zwischen starker Strömung und ruhenden Teilstücken.

Angler sehe ich in meiner Erinnerung am Ufer sitzen, Döbeln, Barben oder Äschen und Forellen nachstellend. Sie legten ihr Gerät auf Grund, nutzten den Schwimmer oder Spinner und boten die künstliche, oft selbst gewickelte Fliege als Köder. Des Nachts, dann meist dem Aal auf der Spur, kam gar Romantik auf. Sternschnuppen fielen, Glühwürmchen tänzelten und kaum identifizierbare Geräusche mischten sich in die Stille.

Im Winter, der seinerzeit noch mit Schnee und Kälte einher ging, fror die Ulster regelmäßig zu. An den ruhigen Stellen war die Eisdecke recht sicher und stabil. Fast jedes Kind hatte Schlittschuhe und einen – meist selbst geschnitzten – Eishockeyschläger. Dann jagten wir dem Puck nach. Die Waghalsigen wickelten um die Fahrradreifen Schnüre als Schneekettenersatz und schlitterten auf dem Drahtesel über rutschiges Parkett.

Die Ulster entspringt in der osthessischen Rhön am Heidelstein, passiert Hilders und Tann, fließt an Geisa und Buttlar vorbei, schlängelt sich danach durch Pferdsdorf unterhalb des Ulsterberges und mündet bei Philippsthal in die Werra. 55,5 Kilometer legt das Wasser zurück und plätschert dabei von cirka 900 Meter über Meeresspiegel bis auf 222 Meter herab. Auf dem letzten Teilstück ab dem Kalibetrieb in Unterbreizbach war der idyllische Fluss besonders zu DDR-Zeiten ein Salzgewässer und El Dorado für den Aal.

Wenn mittlerweile Hochwasser Colaflaschen oder Erdaldosen mitbringen, können diese auch aus thüringischen Haushalten stammen und erregen bestenfalls noch die Aufmerksamkeit von Umweltschützern.

Jo.

Fotos: JJ

zurück
Impressum