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Tierschützerin ohne Grenzen
Gespräch mit Anne Fünfstück
Bild wird geladen... JJ: Bist du mit Tieren aufgewachsen, Anne?

Anne: Ja. Meine Mutter hat schon, als ich noch klein war, immer wieder kranke, verletzte oder ausgesetzte Tier eingesammelt und wahlweise mit nach Hause genommen, um sie zu vermitteln (hauptsächlich Katzen) oder sie ins Tierheim gebracht (oft verletzte Vögel). Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals ein hilfebedürftiges Tier irgendwo zurück gelassen hätten. Als ich dann 6 Jahre alt war, entdeckte meine Mutter einen kleinen Kater auf einem Hinterhof der Umgebung.

Als sie ihn mir dann auf dem Weg in den Kindergarten zeigte, setzte ich mich auf den Fußboden und sagte ihr, dass ich nie wieder in den Kindergarten gehen würde, wenn wir diesen Kater nicht mitnehmen würden. So fingen wir das wilde Katerchen ein und brachten es in unsere Wohnung. Nachdem auch meine Geschwister ihn am Nachmittag sofort in Herz geschlossen hatten, war klar, dass er bleiben würde. Mauzel wurde fast 19 Jahre alt und lebte bis Dezember 2008 in meiner Familie. Wir mussten ihn leider einschläfern lassen, weil er sehr krank war.

Zwei Jahre nach Mauzels Fund erhielten wir einen Anruf eines Kollegen meiner Mutter, der ein Tier in seiner Motorhaube vermutete. Meine Mutter suchte diesen auf und kam mit einem kleinen schwarz-weißen Kätzchen zurück, das voller Schmiere und Flöhe war. Wir nahmen die kleine Mieze (so war dann auch ihr Name) auf und freundeten sie nach einiger Zeit mit Mauzel an. Sie lebte bis Februar 2009 in unserer Familie und musste mit fast 17 Jahren auf Grund von Krankheiten eingeschläfert werden. Zudem hatte ich im Laufe meiner Kindheit drei Meerschweine, 4 Mäuse, 3 Ratten und Fische.

JJ: Was bedeuten Tiere für dich, mit welchen Augen siehst du sie?

Anne: Ich sehe Tiere mit den Augen einer Mutter, würde ich sagen. Ich denke, dass Tiere vergleichbar sind mit kleinen Kindern (natürlich kann man genau genommen Tiere nicht mit Menschen vergleichen). Sie sind verspielt, ehrlich, aufmerksam, liebevoll, manchmal blauäugig, unbeholfen und anhänglich.

Ein Leben ohne Tier könnte ich mir nicht mehr vorstellen, da ich diese Wesen so zerbrechlich und doch so stark finde. Es fasziniert mich zu beobachten, wie meine Tiere ihre eigenen, individuellen Charakterzüge ausleben und mir jeden Tag aufs Neue Überraschungen bereiten. Tiere können sich oft nicht wehren und sie sind auf den Schutz der Menschen angewiesen. Aus diesem Grund sehe ich sie als meine Schützlinge, um die ich mich kümmern und bemühen muss.

JJ: Gab es einen konkreten Anlass, dich für Tierschutz zu engagieren?

Anne: Zu sehen wie Tiere verletzt auf der Straße liegen, so abhängig von der Gutmütigkeit des Menschen, hat mich schon als kleines Kind erschrocken. Ich fing dann als Teenager damit an, mich über Tierschutzangelegenheiten zu informieren und stieß auf Bild,- Text- und Videomaterialien, die mich zu tiefst erschütterten (Beispiel: Der Film „Earthlings“, der mich vor mehr als zwei Jahren zum Vegetarier machte).

Bilder und Texte zu gequälten Tieren zu sehen war schon sehr ergreifend ... doch als ich dann mit cirka 17 erstmals regelmäßig auch Videos sah und die Schreie der geschändeten Tiere hörte und sah, wie sie vor laufenden Kameras getötet oder verletzt wurden, brach ich jedes Mal in Tränen aus und war erschrocken, wie man so etwas filmen, geschweige denn tun kann. Richtig aktiv - mit einem täglichen Einsatz über das Internet und meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einem Berliner Tierschutzverein - wurde ich so richtig nach dem ich „Earthlings“ sah (vor 2,5 Jahren) ... dieser Film hat mir die Augen geöffnet!

JJ: Was tust du konkret?

Anne: Seit ungefähr fünf Jahren spende ich monatlich Beträge zwischen 50 und 150 Euro für verschieden Tierschutzprojekte oder spezielle Fälle (Tiere). Seit 2,5 Jahren arbeite ich mindestens einmal wöchentlich im Berliner Katzenschutzverein Kitty (ein Projekt von „Aktion Tier“) und versorge dort Katzen, die eingesammelt werden, um sie zu kastrieren, zu behandeln und zum Teil zu vermitteln. Zudem helfe ich dort bei der Vermittlung von Tieren und setze mich für besonders schwere Fälle ein, dass diese in ausreichend gesicherte Behandlung und Beobachtung kommen.

Mit meiner Arbeit bei Kitty habe ich auch begonnen, mich im Internet (Plattformen wie studievz oder meinvz) für den Tierschutz stark zu machen. Zuerst habe ich Katzenbesitzer informiert und beraten und galt dort als Ansprechpartner für besonders schwere Fälle, Katzenkrankheiten beispielsweise. Seit einigen Monaten bin ich nun noch aktiver geworden und erstelle täglich mehrere Einträge in diese Foren, um Notfall-Tiere (die z.B. kurz vor der Tötung stehen oder besonders Krank sind) - vorwiegend aus dem Ausland - nach Deutschland zu vermitteln. Außerdem nehme ich täglich an Petitionen teil und verbreite diese und ich verteile Spendenaufrufe (Geld- und Sachspenden) und leiste weitere Aufklärungsarbeit. Mich erreichen über Tierschutzverteiler täglich mehr als 100 Hilferufe und Notfälle, die ich mir ansehen und diese nach ihrer Wichtigkeit ordnen und verteilen muss.

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JJ: Wie sehen deine Erfolgserlebnisse aus?

Anne: Das größte Erfolgserlebnis sehe ich jeden Tag in meiner Wohnung. Meine drei Katzen sind ein großer Lohn für meine Mühen. Alle drei hätten unter Umständen nicht überlebt, wenn ich sie nicht aufgenommen hätte. Die beiden ersten (Paula und Toni sind Geschwister) wären in ihrem Geburtsort, einem Dorf in Brandenburg, sicher getötet worden, weil es auf dem Lande oft niemanden gibt, der sich hilflosen Tieren annimmt. Sie waren sehr krank und litten viele Monate an einer schweren Magen-Darm-Krankheit, die mich viel Geld und Nerven gekostet hat. Moritz, der dritte, kam über Kitty zu mir. Er war cirka drei Monate alt und lebte auf dem Spielplatz eines Berliner Kindergartens. Er war super lieb und verschmust, aber auch sehr laut. Er schrie die ganze Zeit nach Aufmerksamkeit und Körperkontakt. Nachdem ich ihn dann zuhause hatte, fanden wir heraus, dass er schwer krank war und dies auch immer bleiben wird. Ich habe viele Tausend Euro für seine Behandlung bezahlt und muss nun ein Leben lang teure Medizin und Spezialfutter für ihn bereitstellen. Das diese drei Katzen froh und munter täglich um meine Beine schmieren ist der Größte Lohn! Ich würde für diese Tiere einfach alles tun!
Zudem erlebe ich täglich Erfolge, wenn ich über den Tierschutzverteiler erfahre, dass eines der Notfall-Tiere gerettet werden konnte, sich Menschen mit mir in Verbindung setzen und ihr Interesse an Tieren äußern und ich von Fremden über das Internet Lob für meine Arbeit bekomme. Obwohl letzteres eher ein kleiner schöner Nebeneffekt ist, der nicht notwendig wäre. Auch die Katzen bei Kitty geben mit jede Woche Kraft ... wenn ich sehe, dass sie gesund werden, ist alles andere vergessen.

JJ: Auf welche Reaktionen stößt du mit deinem Engagement in deinem Umfeld?

Anne: Viele Menschen verstehen nicht, dass ich mich für den Tierschutz einsetze. Sie denken, dass ein Tierschützer immer auch gleich ein Menschenverächter ist und Tiere dem Menschen vorzieht. Das stimmt nicht. In manchen Fällen sicher ... doch nicht allgemein.

Einem Menschen- oder Tierquäler wünsche ich natürlich nichts Gutes und deswegen hat er für mich weniger Wert als ein Tier. Zudem treffe ich auch immer wieder auf Menschen, die meine Entscheidung Fleisch und Fisch zu entsagen, nicht nachvollziehen können, da sie meinen, dass der Mensch schließlich als Fleischfresser geboren sei und ich damit übertreiben würde. Es ist meine moralische Entscheidung, was ich esse und ich habe mit meinem Geist ausgemacht, dass ein Fleisch- und Fischkonsum für mich nicht in Frage kommt.
Es gibt aber auch immer wieder Auseinandersetzungen mit anderen Tierschützern. Einige meinen, man müsste erst mal Tierschutz in Deutschland betreiben, bevor man sich um das Ausland kümmern sollte. Das sehe ich nicht so, denn Tierleid ist grausam, egal wo es stattfindet. Unser Land behandelt Tiere respektvoller, als jedes andere. Natürlich gibt es auch hier Leid und dieses übersehe ich nicht (ich vermittle schließlich auch innerhalb Deutschlands), doch in den anderen Ländern ist Tierschutz erst sehr gering angekommen und deswegen gibt es dort auch vermehrt Tötungsstationen. Eine Tötung kommt in unseren Tierheimen nicht in Frage und deswegen schütze ich hauptsächlich erst mal ein Auslandstier vor dem Tod, bevor ich ein Inlandstier in ein kuscheliges Zuhause vermittele!

Es ist auch immer wieder so, dass ich angefeindet werde, da ich das Thema Tierschutz in Internetforen verbreite und darüber aufkläre, in denen andere User just for fun aktiv sind. Sie wollen über belanglose Dinge schreiben und Blödsinn austauschen. Oft bekomme ich von solchen Typen zu hören, wie nervig sie es fänden, jedes Mal mit ,,diesem Scheiss", ,,diesem bepissten Tierschutz" oder ,,diesem Öko-Gelaber" (ich zitiere wörtlich) konfrontiert zu werden. Das ist manchmal wirklich traurig .... doch ich setze mich zu Wehr. Und wenn mich Menschen persönlich angreifen, weiß ich mich auf gesittete und kontrollierte Weise zu verteidigen.

JJ: Wie geht es in Deutschland aus deiner Sicht den Haustieren, wie den sogenannten Nutztieren (auch wenn dich diese Bezeichnung quält)?

Anne: Ich denke, dass es in Deutschland viel Ungerechtigkeit gibt und es Menschen erlaubt ist, Haus- und Nutztiere zu halten, die dazu gar nicht in der Lage sind. Zudem arbeiten die Veterinärämter oft sehr nachlässig und übersehen Tierleid oder kümmern sich einfach nicht ausreichend darum. Vergleicht man aber Deutschland mit anderen Ländern, so geht es den Tieren hier besser als anderen. Im Ausland werden die Tiere, wie oben erwähnt, nach einer kurzen Frist einfach eingeschläfert.

Außerdem wird das Tier hier wenigstens als Sachgegenstand behandelt (auch wenn das eigentlich sehr grausam ist und ich den Gedanken daran kaum ertragen kann) und somit vor Missbrauch geschützt. Im Ausland kann man mit Tieren machen was man möchte und niemand unternimmt etwas oder fühlt sich verantwortlich. Im Grunde sind Tiere hier also in besseren Händen als anderswo, weil wir auch besonders viele und aktive Tierschützer hervorbringen!

JJ: Können wir von hier aus helfen, dass es Tieren in anderen, oft fernen Ländern, wo Tierschutz sehr klein geschrieben wird, besser geht?

Anne: Ja, wenn man Tierschutz machen will, dann gibt es keine Grenzen. Durch Petitionen, Aufrufe oder Mahnbriefe können wir auch auf fremde Regierungen einwirken. Außerdem werden ja täglich ausländische Tiere nach Deutschland vermittelt und somit gerettet.

Auch Spenden an ausländische Tierschutzvereine sind immer hilfreich, da diese in keinster Weise von ihren Regierungen unterstützt werden und die Bevölkerung oft zu arm ist, um selbst etwas zu geben. Was aber ein besonders großer Dienst ist, wenn man die Vereine vor Ort unterstützt. Die kommen oft mit der Arbeit nicht hinterher und sind auf Helfer angewiesen.

JJ: Wo liegt nach deiner Meinung die Verantwortung für Tierquälerei, zählst du die Massentierhaltung grundsätzlich dazu?

Anne: Massentierhaltung sehe ich schon als eine Art der Tierquälerei ... doch diese kann natürlich auch noch ganz andere Formen annehmen. Ein nicht ordnungsgemäß gehaltenes Tier leidet sehr ... da können wir uns sicher sein, denn uns würde es sicher nicht anders gehen in Gefangenschaft. Doch die extreme Form ist das bewusste quälen, verletzen, missbrauchen und töten von Tieren.

Viele emotionslose, gewalttätige und gestörte Menschen lassen ihre Wut und die Lust nach Qualen an Tieren aus. Es ist eine Schande, dass es nur solch geringe Strafen für Menschen gibt, die sich an Tieren vergehen. Ich meinen Augen sollte es eine Kontrolle von Tierhaltern geben, damit nicht jeder dazu in der Lage ist, sich ein Tier anzuschaffen oder sogar eine größere Menge. Es ist furchtbar, immer wieder zu lesen, wie sich irgendwelche Minderbemittelte an Tieren vergreifen, diese in Backöfen stecken, an die Wand werfen oder noch schlimmeres, wie auch der sexuelle Missbrauch. Es sollte höhere Strafe für all diese Täter geben und eine lebenslange Kontrolle. Sie dürften nie wieder eine Chance bekommen, einem Tier etwas anzutun!

JJ: Lehnst du persönlich den Verzehr von fleischlicher Nahrung ab, kann der Mensch ohne tierisches Essen gut und gesund leben?

Anne: Ja, ich esse seit 2,5 Jahren weder Fleisch noch Fisch und fühle mich gesünder denn je. Man achtet mehr auf seine Nahrung und liest einmal eher die Inhaltsstoffe verschiedener Produkte. Ich habe mich früher nicht so sehr dafür interessiert, was meine Speisen enthalten. Solange sie lecker waren, war mir alles egal. Doch nun kaufe ich aufmerksam. Auch die Milch- und Eiprodukte versuche ich ausschließlich mit dem Bio-Siegel zu kaufen, damit ich nicht noch zur ungewollten Förderin der Massentierhaltung werde.

JJ: Wie stellst du dir die Welt vor, in der es Tieren gut geht?

Anne: Oh, das wäre eine schöne Welt. Der Lebensraum der Tiere würde vom Menschen respektvoll und achtsam behandelt werden. Es gäbe viele von den Staaten geförderte Tierschutzvereinigungen, die sich um das Wohl aller Tiere kümmern könnten. Menschen, die ihre eigenen Tiere aussetzen oder ins Heim bringen würden, müssten eine hohe Strafe zahlen und dürften keine Tiere mehr halten. Alle, die Tiere verletzen, quälen, misshandeln oder unkontrolliert und wehrlos töten würden, müssten mit Höchststrafen und langen (sehr langen) Gefängnisaufenthalten rechnen.
Tiere würden glücklich und behütet an der Seite der Menschen leben und durch diese auch beschützt werden. Alle würden regelmäßig spenden und die Jagd auf Robben, Hasen, Vögel und so weiter wäre absolut verboten. Wie sehr wünschte ich mir diese Welt!

An der Tierschutz-Vereinsarbeit Interessierte können sich hier melden: anne5stueck@gmx.de
Foto: AF

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