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Der Wiesenfluss
Bild wird geladen... Tiefenort ist ein kleines 4000 Einwohner-Dörfchen irgendwo zwischen Rhön und Thüringer Wald. Eher unscheinbar also. Für mich als Kind wehte dort seinerzeit beim Passieren mit dem Auto dennoch ein wenig der Wind der großen, weiten Welt. Das lag nicht an den zu DDR Zeiten bekannten Zweitligafußballern von „Kali Werra“ und deren schmuckem Stadion, dem Kaffeetälchen. Vielmehr beeindruckte mich – und das ist heute noch so – der an einer Stelle imposante Durchfluss der Werra.

Idylle

Zunächst schlängelt sie sich unauffällig an den ersten Häusern vorbei, wird dann breit und ruhig, nimmt eine 90° Biegung und stürzt, noch mal breiter geworden, als Wasserfall vielleicht zwei Meter tosend zurück in ihr Bett, dass fortan weiter idyllisch den Weg durch Wiesenlandschaften, vorbei an Bergen und Städten sucht.

Nur wenige Kilometer abwärts grüßt der Fluss die Stadt Vacha, in deren Ratskeller einst Napoleon höchstpersönlich ein Nachtlager auf der Flucht suchte. Dabei plätschert die Werra meist schüchtern unter der Brücke hindurch, die einige Jahrzehnte nicht nur besagte Stadt mit der Nachbargemeinde Philippsthal verband, sondern vielmehr den Staat DDR von dem Staat BRD trennte. Nunmehr laufen auf ihr, mitten in Deutschland, wieder Menschen von Thüringen nach Hessen.

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Legende

Einmal im Jahr indes legt der Fluss seine Bescheidenheit ab, sammelt den tauenden Schnee flussaufwärts, überflutet die Wiesen, schaut in Gärten und Keller und verwandelt die Gegend in eine Art Seenlandschaft. Die Legende berichtet, dass dadurch auch die zwischen Vacha und Tiefenort gelegene Bergarbeitergemeinde Merkers dem Bombardement durch die Amerikaner Ende des Zweiten Weltkrieges entging, da der Pilot nicht nach „Merkers mit den vielen Seen“ suchte.

Egal aber, ob die Werra beschaulich oder reißend daher kommt, zwei Phänomene führt sie immer mit in ihrem Wasser. Zum einen sind sich die Statisten nicht einig, wo die Quelle des Stroms liegt, am Zeupelsberg oder am Bleßberg, beide an der Nahtstelle zwischen Thüringer Wald und Thüringer Schiefergebirge beheimatet. Zum anderen gilt wohl die Tatsache, dass die Werra bei Hannoversch Münden in Niedersachsen mit der Fulda zusammen fließt und sich dann Weser nennt. Allerdings scheint sicher, dass Werra und Weser etymologisch der gleiche Name sind.

Sprache

So ist die römische Bezeichnung „Visurgis“ gesichert überliefert, was wohl Wiesenfluss heißt und auch zutrifft. Dieser Name galt für beide Gewässer gleichwohl. Erst während der deutschen Sprachverschiebung im 12. bis 13. Jahrhundert vollzog sich die Namensteilung. Im Oberdeutschen blieb der alte Name des Oberlaufs Wirraha/Werra erhalten und aus einer Verschmelzung von Wirraha/Wisuraha entstand das niederdeutsche Werser oder hochdeutsch Weser. Demzufolge wäre die Fulda einfach nur ein streckenweiser Nebenfluss.

Salz

Noch ein Faktum trifft nicht auf jeden Fluss zu: Durch Salzeinleitungen der Kaliindustrie ist die Werra nicht wirklich ein Süßgewässer. Das gefällt zwar den Aalen, amüsiert viele andere Fisch- und Tierarten, auch Pflanzen indes wenig. Nach der deutschen Einheit erholte sich der Strom allerdings sichtlich.

Wenn das Werrawasser aus dem Thüringischen letztlich bei Bremerhaven in die Nordsee mündet, so weht tatsächlich der Wind der großen, weiten Welt über der Szenerie – und das nicht nur für kleine Jungs, die sich die Nase am Autofenster platt drücken.

Jo.

Foto: JJ

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