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Kleine Welt im globalen Internet
Bild wird geladen... Überfüllte Briefkästen sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Benutzer seine Post nicht mehr kontrollieren kann. Wer verreist, bittet deshalb Nachbarn um eine regelmäßige Leerung. In den Nachrichten erfährt man jedoch manchmal von Fällen, in denen der Briefkasten überquillt, obwohl der Besitzer anwesend ist. Da sich niemand für diesen Menschen interessiert, wird die Wohnung irgendwann von der Polizei geöffnet, die dann die Leiche abtransportiert. Auch bei schweren Verbrechen wie einem Amoklauf fragen sich nachher alle Opfer und Beobachter, ob sie die Tat nicht hätten verhindern können, wenn sie sich intensiver um den Täter gekümmert und dessen gefährliche Neigung erkannt hätten. Nicht nur die Kultusminister fordern in solchen Fällen immer wieder eine „Kultur des Hinsehens“.

Doch ist unsere moderne Gesellschaft wirklich so egoistisch und eingeschränkt in ihrer Nächstenliebe? Kann man wirklich eine Dekadenz im Umgang mit den Mitmenschen feststellen, wenn Büroangestellte lieber eine E-Mail schicken, als drei Schritte ins Nebenzimmer zu gehen? Einen Hinweis finden wir genau dort, wo die elektronische Post verschickt und gelesen wird: im Internet.

Das weltweite Netz hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr von einer reinen Informationsquelle zu einer interaktiven Plattform entwickelt. „User generated content“ lautet das Stichwort im modernen Internet. Die Nutzer selbst liefern also die Inhalte und zwar nicht nur bei Wikipedia oder Youtube. Vor allem jüngere Menschen besitzen heute neben einer E-Mail-Adresse mindestens ein Profil, manchmal sogar mehrere. Mit diesem Profil sind sie nicht als Verbrecher bei der Polizei, sondern in einem sozialen Netzwerk registriert.

Stanley Milgram würde heute keine Pakete verschicken, sondern sich bei MySpace anmelden, um das von ihm beschriebene Kleine-Welt-Phänomen zu untersuchen. Der US-Psychologe kam 1967 zu der Erkenntnis, dass man über sechs Knotenpunkte jede Person in den Vereinigten Staaten erreichen kann. A kennt B, B kennt C, C kennt D. So ist A indirekt mit D verbunden. Neuere Untersuchungen bestätigten das Phänomen auch außerhalb des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten.

Dort entstand vor knapp sechs Jahren eines der bekanntesten und ältesten sozialen Netzwerke im Internet. Der Gründer wollte jedem Mitglied einen Platz verschaffen und so wurde das Motto zum Namen: MySpace. Für die Nutzer ist das Prinzip denkbar einfach. Man registriert sich und füllt einen Fragebogen aus, der eine gewisse Ähnlichkeit mit den Poesiealben hat, die früher auf Schulhöfen zirkulierten. Aber in so einer multimedialen Umgebung wie dem Internet ist man natürlich nicht auf Text beschränkt und kann sich mit Fotos und Videos präsentieren. Man benötigt also keine Programmierkenntnisse für eine Homepage, um sich online vorzustellen.

Das wichtigste Element der sozialen Netzwerke sind jedoch die Verknüpfungen zu Freunden. Wer eine bekannte Person entdeckt, kann über eine Freundschaftsanfrage deren Profil seiner Freundesliste hinzufügen. Nach dem Prinzip der kleinen Welt findet man auf diese Weise oft auch neue oder längst vergessene Freunde. Mit der Anzahl der registrierten Mitglieder steigt schließlich die Zahl der Verbindungen zwischen den Profilen. So lässt sich die zentrale Frage beantworten: Wer kennt wen?

Diese Frage stellten sich auch die Gründer der gleichnamigen Online-Gemeinschaft, die mittlerweile zur RTL-Mediengruppe gehört und nach Angaben der Marktforscher von AGOF aktuell die beliebteste „Community“ in Deutschland ist. Ein Merkmal von Wer-kennt-wen ist die Möglichkeit, zu allen möglichen Themen und Interessen Gruppen gründen zu können.

Wer keine Gruppe gründen möchte, kann sich einem spezialisierten Netzwerk anschließen. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Angebot StudiVZ, das als Plattform für Studierende gegründet wurde. Allerdings ist es mittlerweile so populär, dass sich einige Mitglieder registrieren, die nie eine Hochschule von innen gesehen haben. Das Portal der Lokalisten setzt den Schwerpunkt hingegen geographisch und bringt Leute aus der gleichen Stadt oder Region zusammen. Wer den Begriff des sozialen Netzwerks etwas allgemeiner fasst, findet zu fast allen speziellen Interessen die passende Gemeinschaft im Internet.

Nicht nur bei der Vielzahl der Angebote muss man den Überblick behalten. Besonders bei der Frage, was man gegenüber der weltweiten Gemeinschaft von sich preisgibt, sollte man Vorsicht walten lassen, um zu verhindern, dass beispielsweise intime Fotos an Plätzen auftauchen, für die sie nicht gedacht sind. Wer die Regeln beachtet und die Vernunft im Internet nicht ausschaltet, kann mit Hilfe der sozialen Netzwerke der gesellschaftlichen Isolation entfliehen. Vorausgesetzt natürlich, dass man hin und wieder auch mal Menschen im realen Leben begegnet. Sonst quillt doch irgendwann wieder ein Briefkasten über.

Markus Schnitzler

Foto: Thomas Max Müller pixelio

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